Nach Misserfolgen in Serie Siemens-Chef Löscher kämpft um sein Amt

Es wird eng für den Siemens-Chef: Peter Löscher (hier bei einer Pressekonferenz im Januar 2013)

(Foto: AFP)

"Es war noch nie meine Art aufzugeben", sagt Vorstandschef Peter Löscher der "Süddeutschen Zeitung". Der Österreicher will seinen bis 2017 laufenden Vertrag bei Siemens erfüllen, doch die Konzernspitze diskutiert offen seinen Rauswurf. Zu viel ist schiefgelaufen, seit Löscher und der Aufsichtsratsvorsitzende Cromme die Geschicke des Traditionskonzerns lenken.

Von Caspar Busse und Klaus Ott

Nach einer Reihe von Fehlschlägen muss Siemens-Chef Peter Löscher um seinen Job fürchten. Seit diesem Freitag laufen im Aufsichtsrat des Münchner Konzerns Krisengespräche, die am Wochenende fortgesetzt werden. Dabei wird offen die Ablösung Löschers diskutiert. Bei Siemens laufen die Geschäfte derzeit schlecht. Der Vorstandschef musste sein wichtigstes Ziel, bis Ende 2014 eine Rendite von zwölf Prozent zu erreichen, fallenlassen. Dazu kommen diverse Pannen. In solchen Situationen sei es üblich, dass man "die Führungsleute auswechselt", heißt es aus der Konzernspitze.

Löscher wehrt sich gegen einen Rauswurf. "Mir bläst jetzt der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen", sagte er der Süddeutschen Zeitung. "Ich habe einen Vertrag bis 2017, und gerade jetzt ist der Kapitän bei Siemens mehr gefragt denn je." Die Zweifel an Löscher sind aber so stark, dass eine Ablösung spätestens bei der Aufsichtsratssitzung am kommenden Mittwoch nicht ausgeschlossen ist.

Schon werden Nachfolgelösungen gehandelt. Als möglich gilt eine Doppelspitze aus dem bisherigen Finanzvorstand Joe Kaeser und Siegfried Russwurm, derzeit Chef des Industriegeschäfts. Kaeser, 56, ist seit 1980 bei Siemens und seit zehn Jahren im Vorstand. Er gilt bisher schon als der starke Mann hinter Löscher; er hat auch Rückhalt bei vielen Mitarbeitern. Russwurm, 50, war vor der Übernahme der Industriesparte in der Medizintechnik tätig. Beide Bereiche stehen relativ gut da. Der Ingenieur Russwurm ist seit mehr als 20 Jahren bei Siemens und gilt als gute Ergänzung zum Finanzexperten Kaeser.

Nach Angaben aus Konzernkreisen will Cromme schnell handeln

Löscher ist seit Juli 2007 Vorstandsvorsitzender von Siemens, er war der erste Chef in der Geschichte des Traditionskonzerns, der von außen kam. Geholt worden war Löscher vom Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme, nachdem Siemens wegen einer Schmiergeldaffäre in eine tiefe Krise geraten war. Nach Angaben aus Konzernkreisen will Cromme schnell handeln. Er möchte sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die Lösung der Krise zu verschleppen. Diesen Fehler hatte er beim Stahlkonzern Thyssen-Krupp gemacht, dort musste er im März als Aufsichtsratschef gehen. Seitdem fordern einige Aktionärsvertreter seinen Rücktritt auch bei Siemens. Cromme lehnt das ab.

Siemens hat 370.000 Mitarbeiter weltweit, macht 78 Milliarden Euro Umsatz und ist der drittgrößte deutsche Industriekonzern. Nach Angaben aus Konzernkreisen gehe es bei den Krisengesprächen um mehr als um eine Ablösung Löschers. Die eigentliche Frage sei: "Wer ist Siemens, und was sind unsere Geschäftsfelder der Zukunft?"

Lothar Adler, der Chef des Gesamtbetriebsrats und Mitglied des Aufsichtsrats, hatte "einen Kurswechsel, bei dem wieder der Mensch im Mittelpunkt steht", gefordert. Er sagte: "Ich vermisse eine nachhaltige und zukunftsorientierte Unternehmenspolitik." Aus Arbeitnehmerkreisen verlautet, es genüge nicht, nur über finanzielle Ziele zu sprechen. Löscher gab sich am Freitag zuversichtlich: "In den kommenden Tagen werden wir alles in Ruhe besprechen."

Das Interview mit Siemens-Chef Peter Löscher lesen Sie im Wirtschaftsteil der SZ auf Seite 23 und in der Digitalen Ausgabe.