Nach Brand in Textilfabrik Die Frauen nähen wie Getriebene

Nach Angaben der "Kampagne für Saubere Kleidung" starben in Bangladesch seit 2006 mehr als 470 Menschen bei Bränden in Textilfabriken. Die Sicherheitsmaßnahmen aber sind meist noch genau so lausig wie schon immer. Elektrokabel hängen ungeschützt von der Decke, Notausgänge sind verschlossen, wenn es überhaupt welche gibt. Fenster sind vergittert. Übungen zum Brandschutz? Meist unbekannt.

Gisela Burckhardt von der "Kampagne für Saubere Kleidung" kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen, für eine bessere Bezahlung und für bessere Sicherheitsmaßnahmen in der Branche. Sie hat Diagramme erstellen lassen, in denen gezeigt wird, wie sich der Preis der Kleider zusammensetzt: 50 Prozent Gewinn und Kosten des Einzelhandels, 25 Prozent Markenwerbung, 13 Prozent Fabrikkosten, 11 Prozent Transport und Steuern. Und nur ein Prozent Lohnkosten.

Vor ein paar Jahren hat sie Arbeiterinnen aus Bangladesch nach Deutschland eingeladen. Sie sollten der Ausbeutung ein Gesicht geben und den deutschen Käufern zeigen, wer den Preis zahlt für Kleidungsstücke, die so billig sind, dass man sich schämen muss.

Suma Sarker stand in ihrem glitzernden Gewand im Neonlicht eines Kik-Discounters in Mannheim und fuhr mit der Hand über die bunten Nähte kleiner Kinderhosen. Winzige Reisverschlüsse, zierliche Hosentaschen. 60 bis 70 dieser Taschen näht sie in der Stunde. Dann sah sie das Preisschild: 4,99 Euro. Und konnte es selbst nicht glauben, wie billig ihre Arbeit ist.

Die Frauen nähen wie Getriebene. Und auch das: Sie werden beleidigt, sexuell belästigt, geschlagen. Wer einer Gewerkschaft beitritt, riskiert es, den Job zu verlieren. Gisela Burckhardt kennt das schon, wenn ihre Telefone nicht mehr stillstehen nach einer Katastrophe wie dieser. Und in der Zeit dazwischen? Hat sie Mühe, das Thema zu den Menschen zu bringen.

Brandschutzabkommen werden von H&M und Gap verhindert

Sie sagt: "Es ist dringend notwendig, das Brandrisiko branchenweit zu bekämpfen. Nur wenn man Gewerkschaften vor Ort mit einbindet, wird sich etwas ändern." Immerhin: Tchibo und die US-Bekleidungsfirma PVH, zu der Marken wie Tommy Hilfiger und Calvin Klein gehören, haben ein Brandschutzabkommen mit Arbeitnehmervertretern vereinbart.

Es kann allerdings erst in Kraft treten, wenn mindestens vier große Modefirmen mitmachen. Firmen wie H&M und Gap weigern sich bis jetzt. Gisela Burckhardt hofft nun auf Metro (Real, Kaufhof) und Lidl. Beide hat die "Kampagne für Saubere Kleidung" vor kurzem aufgefordert, das Brandschutzabkommen zu unterzeichnen. Bis jetzt - keine Antwort.

Das Problem ist nicht, dass es keine Zertifizierungssysteme gibt. Im Gegenteil. Allein deutschen Unternehmen stehen etwa 80 verschiedene Instrumente zur Verfügung. Viele Firmen haben außerdem selbst einen Code of Conduct oder Compliance-Richtlinien festgelegt. Aber Aufträge werden von Subunternehmer zu Subunternehmer weitergereicht. Die wenigsten Firmen kennen ihre Lieferkette. Gisela Burckhardt macht das wütend, wie sich die große Firmen seit Jahren herausreden. Sie will verhindern, dass es so ist wie immer: Es werden alle aufschreien.

Aber passieren wird - nichts.