Nach Brand in Textilfabrik Modetrends in Europa, Tote in Bangladesch

Die Frauen nähen wie Getriebene, sie werden beleidigt, sexuell belästigt, geschlagen. Die Textilproduktion für westliche Konzerne in Billiglohnländern fußt auf der Ausbeutung von Frauen. Wenn Menschen bei der Herstellung von Billigtextilien sterben wie jetzt in Bangladesch, ist der Aufschrei jedes Mal groß. Doch an der Situation ändert sich nichts.

Von Karin Steinberger und Stefan Weber

Jetzt werden wieder alle aufschreien. So wie im September 2012, als in Pakistan zwei Fabriken abbrannten und mehr als 300 Menschen in den Trümmern erstickten. Es sind immer die gleichen Bilder: verschmurgelte Nähmaschinen, Männer, die mit bloßen Händen nach ihren Frauen oder Töchtern graben. Es sind immer die gleichen Probleme: abgesperrte Notausgänge, vergitterte Fenster, gefälschte Sicherheitszertifikate, korrupte Fabrikbesitzer. Es sind immer die gleichen Ausreden: der Druck der Weltwirtschaft.

Jetzt kommen die Bilder also aus Bangladesch. Jetzt graben die Männer in Savar nach den Resten ihrer Frauen, sammeln Sandalen und bunte Schals aus der Asche. Mehr als 112 Menschen sind am Wochenende in der Tazreen-Fashion-Fabrik gestorben, in der jeden Monat eine Million T-Shirts, 800.000 Polo-Shirts und 300.000 Fleecejacken produziert wurden, unter anderem für C&A, Carrefour, Kik und Walmart. Fliederfarben, orange, wie es die Branche gerade wünscht. Jeder neue Trend in Europa bedeutet, dass die Frauen in Bangladesch Überstunden machen.

In Bangladesch trauerten sie, Nationalflaggen im ganzen Land wurden auf Halbmast gesetzt, in den Tempeln beteten die Menschen, Politiker sagten, was zu sagen ist. Dann schlug die Trauer um in Wut. Tausende Arbeiter gingen in den vergangenen Tagen auf die Straße, bewarfen Fabrikgebäude mit Steinen, zerstörten Autos und blockierten Straßen. Hunderte Fabriken wurden geschlossen.

Ein Mindestlohn von 46 Euro im Monat

Es herrscht eine Stimmung wie im Sommer 2010, als Zehntausende durch die Straßen der Hauptstadt Dhaka zogen und für eine bessere Bezahlung in der Branche demonstrierten. Damals kämpften sie für einen Mindestlohn von 5000 Taka im Monat, 46 Euro. Sie hatten es satt, mit einem Drittel davon abgespeist zu werden. Sie hatten es satt, ihr Leben zu riskieren für so wenig Geld. Nichts hatte man von ihnen gehört in all den Jahren, nichts gelesen außer dem kleinen Schild hinten in zahllosen T-Shirts und Hosen, in Millionen von knappen Sommerkleidchen und dicken Winterpullovern: Made in Bangladesch.

Jetzt standen sie auf der Straße, die meisten von ihnen Frauen. Mit glitzernden Ohrringen und golddurchwirkten Saris. Es war das erste Mal, dass sie aufbegehrten. Die Fabrikdirektoren jammerten, dass sie die Forderungen ihrer westlichen Auftraggeber nicht werden erfüllen können. Es gab Verletzte, Tote. Dann war wieder Ruhe.

Millionen von Menschen arbeiten in den Bekleidungsfabriken Bangladeschs. Die Textilindustrie ist der wichtigste Industriezweig des Landes. Knapp zehn Prozent aller Textilimporte von Europa kommen aus Bangladesch, das nach China und der Türkei der drittgrößte Exporteur von Kleidung nach Europa ist. In einer Umfrage unter den Einkaufschefs großer Modeunternehmen nannten mehr als drei Viertel der Befragten Bangladesch als das am stärksten aufstrebende Einkaufsland für Textil. Aber zu welchem Preis?