Die Wähler sind kompetenter als die Volksparteien denken. Denn in der Frage "Markt oder Staat?" geht es um mehr als "Sowohl als auch". Warum FDP und Linkspartei stärker werden.
Alle denken an sich. Nur ich denk an mich. So pflegen die Deutschen zu wählen, seitdem die gesellschaftlichen Milieus (Bürgertum, Katholizismus, Arbeiterklasse) an Bindungswirkung verlieren.
Bild vergrößern
Die zwei Pole der deutschen Wirtschaftspolitik: Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine (links), der in der Globalisierung für einen stärkeren Einfluss des Staates kämpft und FDP-Chef Guido Westerwelle, der den Marktkräften vertraut. (© Foto: ddp)
Anzeige
Bei der Bundestagswahl 2009 aber haben die Wähler deutlicher als üblich ihr favorisiertes Wirtschaftsprogramm gewählt. Sie haben sich damit als reifer und kompetenter erwiesen, als ihnen das Beobachter vielfach zugetraut haben.
Dabei geht es gar nicht ausschließlich um den strahlenden Erfolg der vermeintlichen Zahnärzte-Partei FDP, sondern ebenso um den Erfolg der Linkspartei.
Eine große Gemeinsamkeit
So unterschiedlich beide sind, so sehr haben sie doch eines gemeinsam: eine klare Vorstellung ihrer Wähler, wie Wirtschaftspolitik sein sollte. Wer sich auf diesem Feld mehr Kompetenz wünscht, weil Wirtschaft mehr denn je unser Schicksal ist, sollte sich darüber freuen.
CDU, CSU und SPD und ihre Anhänger tun das erkennbar nicht. Sie geißeln einerseits die Unreife vieler (FDP-)Wähler, die blind und gierig jenen Scharlatanen nachgerannt seien, die Steuersenkungen in Aussicht gestellt haben - Entlastungen, die die Beobachter apodiktisch (ist doch klar!) für unrealistisch und also verlogen erklären. Und sie qualifizieren gleichzeitig die Wähler der Linkspartei ab, die auf das Heilsversprechen von Lafontaine und Gysi hereingefallen seien. So einfach aber liegen die Dinge nicht.
Das Wahlergebnis zeigt zwei grundverschiedene wirtschaftspolitische Positionen im Land. Vereinfacht gesprochen, sind das zum einen jene, die sich sorgen. Die Angst haben vor Strukturwandel und Globalisierung. Die klagen, dass der internationale Wettbewerb zu Lasten Deutschlands geht.
"Agenda 2010" und Jusos aus einer Hand
Sie vertrauen weder dem Markt noch ihrer eigenen Gestaltungskraft. Sie fordern den starken Staat, der sie beschützen möge, der ihnen umfassend helfe, wenn sie arbeitslos sind und womöglich für immer bleiben. Wer so denkt, gehörte früher zum weiten Kreis der SPD-Wähler.
Aber die SPD ist zur Alles-und-jedes-Partei geworden. Sie bietet den Agenda-2010-Administrator Frank-Walter Steinmeier ebenso auf wie Jusos und Andrea Nahles. Wessen Weltbild glasklar auf "mehr Staat und mehr Sicherheit" gerichtet ist, wählte diesmal besser Linkspartei.
Dem entgegengesetzt sind jene, die noch an die eigene Gestaltungskraft und wirtschaftliche Freiheit glauben. Die sich zutrauen, selbst die Ärmel hochzukrempeln, wenn der Staat sie nur lässt. Die im Erfolgsfall die Früchte ihres Einsatzes auch selbst ernten und nicht automatisch weit mehr als die Hälfte ihres Bruttoeinkommens für Steuern und Abgaben an den großen Moloch Staat abgeben wollen. Die dem deutschen Mittelstand weiter Großes zutrauen, wenn der nur Geld und Kraft dazu hat.
Diese Bürger wählen traditionell FDP, aber auch CDU und CSU. Der frühere Fraktionschef der Union, Friedrich Merz, ist eines ihrer Idole. Aber der Wirtschaftsflügel der Union führt unter Angela Merkel und Horst Seehofer ein Schattendasein, und Merz ist aus dem Bundestag geflohen.
Zwei legitime Sichtweisen
Auch die CDU ist zur Alles-und-jedes-Partei geworden, erst recht die CSU, die das Kunststück vollbracht hat, für weniger Staat und Steuersenkungen ebenso glühend zu werben wie für mehr Staat und Sozialleistungen. Wessen Weltbild glasklar auf "weniger Staat und mehr Freiheit" ausgerichtet ist, musste diesmal FDP wählen (oder die Grünen, deren Realos Wirtschaftskompetenz mit Umweltkompetenz paaren).
Weniger Staat oder mehr Staat: Diese Pole prägen das Land. Man wird das eine für richtig und das andere für falsch halten - beides aber sind legitime Sichtweisen von Wirtschaft. Und beide sind allemal reifer und klüger als das unverbindliche Sowohl-als-auch.
Der Wettbewerb könnte spannend und fruchtbar werden. Wer den Marktkräften weiter vertraut, trotz oder vielleicht gerade wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise, muss hoffen, dass Schwarz-Gelb im Regierungsalltag überzeugt.
Wird "Mehr Markt und weniger Staat" auch im 21. Jahrhundert funktionieren? Die Wähler dieses Modells glauben es. Aber glauben es auch die von ihnen gewählten Politiker?
(SZ vom 29.09.2009/pak)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Sicher können Sie aber erklären, was weise daran ist, glühende Verehrer(Sarah Wagenknecht) von einem der größten Verbrecher aller Zeiten, nämlich Väterchen Stalin, über die Landesliste zum Volksvertreter zu machen.
Ihrer erhellenden Auskunft sehe ich mit Freude entgegen.
110. CDU/CSU/FDP - Vergleich 2005 - 2009
2009 Zweitstimmen
CDU 11.824.794
CSU 2.830.210
FDP 6.313.023
_______________
Summe 20.968.027
2005 Zweitstimmen
CDU 13.136.740
CSU 3.494.309
FDP 4.648.144
_______________
Summe 21.279.193
2005 minus 2009
- 311.170
Man höre und staune:
Schwarz/Geld(B) hat an absoluten Stimmen
311.170 Stimmen v e r l o r e n !!!!!!!!!!!!!!!!
Konstatiert man hingegen bei "WELT-ONLINE" nüchtern: "So niedrig war die Beteiligung an der Bundestagswahl, dass sie noch zu DDR-Zeiten den sofortigen Einmarsch der Russen nach sich gezogen hätte.."
"WELT-ONLNE" weiter: "Wer hätte das gedacht? Zweitstärkste Macht in Deutschland sind die Nichtwähler, die bei der Bundestagswahl auf stolze 29 Prozent kamen.."
29% Prozent Nichtwähler - das ist mehr, als die SPD insgesamt an Stimmen bekommen hat und fast so viel, wie die Union an Stimmen eingesammelt hat ...
Ein knappes Drittel der Bundesbürger hat gar nicht erst gewählt, Union und SPD haben die schlechtesten Wahlergebnisse seit 60 Jahren eingefahren - und Marc Beise erzählt uns von (s)einem "glasklar(en) Weltbild "weniger Staat und mehr Freiheit" ...
"So einfach aber liegen die Dinge nicht" - wir haben bald ein Legitimationsproblem ...
Ein typischer Beitrag der für die FDP spricht. Nicht einmal nach der Wahl können sich so manche SZ Redakteure eine Werbung für die FDP verkneifen. Die Wahl ist vorbei und das Schreckengespenst wird auf die Arbeitnehmer mit voller Wucht zukommen. Es gibt nicht nur Mittelständler und nur Hartz IV Empfänger, die Wahrheit steht bei anderen. Das sind die Menschen die teilweise für Löhne unter 5 Euro ihren Lebensuntehalt verdienen müssen. Nutzniesser sind nun mal die Arbeitgeber. Wert denkt das bei solchen Löhnen innerhalb Deutschlands die Globalisierung verantwortlich ist der fantasiert vor sich her. Die Betroffenen bei dieser Regierung werden die Arbeitnehmer/innen sein mit einem ganz normalen Gehalt. Allein die Tatsache das der Kündigungsschutz aufgeweicht werden soll zerstört alle Zukunftspläne der Arbeitnehmer. Menschen sollen bei dieser FDP Politik wie Rohstoffe behandelt werden, man kauft sich diese wenn man sie braucht. Im Fordergrund steht nach wie vor die Gewinnmaximierung und nicht eine ethische und moralische Einstellung gegenüber dem Staat und dem Volk. Es wurden und werden weiterhin Produktionstandorte verschärft ins Ausland verlagert was noch mehr Arbeitslose bringen wird, egal wie die Voraussetzungen sind. Die Politik der FDP unterstützt dieses bis zum Exzess. Ach ja, ich bin kein Kommunist oder linker, ich bin nur ein einfacher Facharbeiter der nicht zu den gehobenen "bürgerlichen" Gutmenschen gehört.
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Paging