Manipulierte Zinsen Was die EZB-Geldflut für Sparer bedeutet

Ausgerechnet in der größten Schuldenkrise der Nachkriegszeit ist es attraktiver, Schuldner zu sein als Sparer. Der Preis des Geldes wird nicht mehr durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern durch Politik und Zentralbanken. Das absurde Ergebnis: Es gibt keine sicheren Zinstitel mehr - dafür massenhaft billige Kredite. Das ist gefährlich.

Ein Kommentar von Simone Boehringer

Was wir mit zunehmender Dauer dieser Finanzkrise an den Kapitalmärkten erleben, ist Planwirtschaft, nicht Marktwirtschaft. Anleger müssen sich davon verabschieden, dass der Preis des Geldes durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Vielmehr sind es Politik, Zentralbanken oder, wie beim Skandal um die fürs Kreditgeschäft wichtigen Libor-Sätze, sogar einzelne Geschäftsbanken, die Zinssätze bewusst in eine Richtung lenken, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen.

Während die Manipulation auf Bankenebene zu Recht aufs Schärfste geahndet und wegreguliert werden soll, lässt man der viel stärkeren Beeinflussung der Preise durch Politik und Zentralbank freien Lauf. Ja, mehr noch: Bei vielen Beteiligten herrscht offenbar die Vorstellung, Fehlsteuerungen der Vergangenheit lassen sich am besten durch neue Manipulationen zurückdrehen. Eine einseitige und gefährliche Entwicklung, wie die jüngsten Beispiele von Interventionen in Europa und Amerika zeigen.

So soll das neue Ankaufprogramm der EZB für Staatsanleihen dafür sorgen, dass sich klamme Euro-Länder zu günstigeren Konditionen Geld beschaffen können. Deutschland, das mit Abstand zahlungskräftigste Euro-Mitglied, hatte deshalb bereits im Vorfeld des EZB-Beschlusses Schwierigkeiten, Käufer für neue Schuldtitel zu gewinnen. Der Bund blieb auf fast einem Drittel seiner Papiere sitzen. Der Grund: Sobald die EZB anfängt, Papiere anderer Euro-Länder aufzukaufen und damit zu stützen, macht sie damit die niedrig verzinsten deutschen Titel unattraktiver, Kursverluste drohen.

In den Vereinigten Staaten haben Anleihenkäufe der Notenbank Federal Reserve dazu geführt, dass die USA für ihre Schulden ähnlich wie die Bundesrepublik mit rund 1,5 Prozent viel weniger Zinsen zahlen müssen als vor der Krise, obgleich sich ihr Schuldenstand und damit das Risiko, mit US-Anleihen Geld zu verlieren, erhöht hat. Die Fed wie auch die EZB kaufen Anleihen, die auf dem freien Markt kaum jemand zu den künstlich niedrig gehaltenen Konditionen handeln will. Die Zentralbanken bekämpfen also die Folgen früherer Eingriffe mit weiteren. Mit dem absurden Ergebnis, dass es nun keine sicheren Zinstitel mehr gibt, deren Rendite Sparern wenigstens die Inflation von zwei Prozent oder mehr ausgleicht.

Weitere Konsequenz: Aus Sorge vor der Geldentwertung flüchten die Anleger in andere Vermögensmärkte. Aktien steigen trotz Rezession, an manchen Immobilienmärkten entstehen schon wieder neue Blasen, auch weil Kredite teils noch billiger zu haben sind als vor der Krise. Ausgerechnet in der größten Schuldenkrise der Nachkriegszeit ist es attraktiver, Schuldner zu sein als Sparer.

Konsens unserer bestehenden Geldordnung ist, dass Notenbanken über die Höhe der Leitzinsen Angebot und Nachfrage nach Geld und Kredit steuern und so die Stabilität einer Währung im Griff behalten. Doch in den ersten Jahren der Krise haben die Währungshüter als Preissetzer immer mehr an Einfluss verloren. Zum einen, weil sie Geld praktisch zum Nulltarif an Geschäftsbanken gaben und den Leitzins tief hielten. Zum anderen, weil im Wechselspiel von Politik und Wirtschaft immer mehr Geld geschaffen wurde, über das Notenbanken die Kontrolle fehlt.

So konnten sich Länder in Südeuropa nach Einführung des Euro auch deshalb so günstig Geld leihen, weil die Banken ihre Anleihen gerne kauften. Die Regulierer hatten dafür gesorgt, dass für die Staatstitel, anders als für jeden anderen Kredit, keinerlei Sicherheiten bilanziert werden mussten. Auch das eine politische Manipulation, die wesentlich zu dem horrenden Schuldenberg vieler Staaten beigetragen hat.

Gesteuerte Preise auch in den USA: Anstelle von Transferleistungen setzte die US-Regierung zur Armutsbekämpfung auf die Förderung von Wohneigentum. Die Finanzindustrie sollte zu diesem Zweck explizit günstige Darlehen an wenig vermögende Amerikaner vergeben. Es entstand ein riesiger Markt für schlecht gesicherte Immobilienkredite (subprime). Die Banken bündelten die zu billig vergebenen Risikodarlehen und verkauften sie als verbriefte Wertpapiere am Kapitalmarkt, wiederum bewilligt von den Regulierungsbehörden. Weltweit über die Kapitalmärkte gestreut glaubten sie, die Risiken klein halten zu können. Als die Kreditmaschinerie 2007 stockte, war das der Anfang der Finanzkrise.

Die Beispiele zeigen: Politisch motivierte Manipulationen der Märkte sind verantwortlich für das Ausmaß der Krise. Schwer zu glauben, dass ausgerechnet weitere solcher Eingriffe nun den Weg heraus ebnen sollen.