Die Politik muss den Grundstein für ein Wachstum legen, das von Werten getrieben ist - denn Konsum ist nicht alles.
Diese Krise steckt voller Lügen. Am Anfang stand jene, wonach sich jeder ein Haus bauen könne, auch ohne eigenes Geld. Es folgte der Irrtum, dass Risiken aus Bilanzen verschwinden, wenn man sie nur gut genug verpackt. Und irgendwann kam die Idee auf, dass der Kauf eines neuen Autos hilft, den Abschwung zu stoppen. Doch der Konsum wird die Wirtschaft nicht aus der Krise führen. Im Gegenteil: Er könnte sie geradewegs einer neuen Illusion aussetzen.
Die Politik muss das Gerüst für ein Wachstum bauen, das von Werten getrieben ist - denn Konsum allein ist nicht alles. (© Foto: dpa)
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Die Bundesregierung, die sich an diesem Mittwoch mit den Wirtschaftsverbänden zum Konjunkturgipfel im Kanzleramt trifft, wird möglicherweise auch wegen dieser Erkenntnis vorsichtiger mit Geldgeschenken sein. Die Abwrackprämie ist ihr eine Warnung.
Wie im Rausch haben sich bislang weit mehr als eine Million Bundesbürger dafür entschieden, trotz weltweiter Rezession einen Neuwagen zu kaufen. Es wirkt, als versuche manch einer, die Sparsamkeit der Großeltern und die Öko-Prinzipien der Elterngeneration auf einen Schlag abzustreifen. Eine Nation, die im Ausland als geradezu geizig gilt und für das Trennen von Hausmüll belächelt wird, handelt plötzlich wie befreit. Wegwerfen, das geht wieder.
Während die Amerikaner gerade mühsam das Sparen erlernen und sich weniger verschulden, wird in Deutschland zum Geldausgeben getrommelt. Dahinter steckt das Ziel, die Wirtschaft, die bislang überwiegend im Export erfolgreich war, von innen her anzukurbeln.
Aus ökonomischer Sicht ist das logisch. Vielen Menschen mag es jedoch wie dem amerikanischen Schauspieler Clint Eastwood gehen, der kürzlich in einem Fernseh-Interview sagte: "Wir haben diese Krise, weil wir Geld ausgegeben haben, das wir nicht hatten. Und nun bekämpfen wir sie, indem wir noch mehr Geld ausgeben, das wir nicht haben. Wie soll das gehen?" Darin liegt die Erkenntnis: Exportnationen wie Deutschland oder China haben ihren Boom zu großen Teilen Millionen von Amerikanern zu verdanken, die über ihre Verhältnisse gelebt haben. Dies ließ sich jahrelang an einem enormen Leistungsbilanzdefizit der USA ablesen. Aber sollen wir nun die neuen Amerikaner werden, um die Krise zu überwinden? Das kann nicht sein.
Wirtschaft braucht Wachstum, schon deshalb, weil die Weltbevölkerung wächst. Nur wo es Wachstum gibt, wird investiert, gibt es die Hoffnung, Kredite zurückzahlen zu können. Und nur wo investiert wird, entstehen Arbeitsplätze. Entscheidend ist jedoch, welche Qualität dieses Wachstum hat. US-Präsident Barack Obama hatte kürzlich in Anlehnung an die Bergpredigt kritisiert, bisher sei die Wirtschaft auf Sand gebaut gewesen; die neue Wirtschaft müsse auf Fels gebaut sein. Eine Wirtschaft ist zwar immer ein wenig auf Sand gebaut, denn Investitionen sind Wetten auf bessere Zeiten. Es ist aber ein Unterschied, ob das Fundament aus einer Art Treibsand besteht - wie das eine oder andere abenteuerliche Finanzprodukt - oder ob es sich um fruchtbaren Boden handelt für das Wachstum einer Wirtschaft, die die Bedürfnisse künftiger Generationen erfüllt.
Kritische Wissenschaftler wie Dennis Meadows, der 1972 den Bericht des Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums" mitverfasste, glauben nicht daran, dass sich Wachstum überhaupt umweltverträglich gestalten lässt. Nach ihrer Analyse legt die Wirtschaftsleistung nur zu, weil Güter wie Wasser, Bodenschätze und saubere Luft kostenlos in den Produktionsprozess einfließen - Ressourcen, die begrenzt sind. Doch diese Kritik ignoriert den technischen Fortschritt.
Der Mensch hat immer wieder bewiesen, dass er innovativ sein kann. Seit den Anfängen der Öko-Bewegung in den siebziger Jahren ist im Umweltschutz Enormes erreicht worden. In den entwickelten Industrienationen haben sich Schadstoffausstoß und Produktionswachstum längst voneinander abgekoppelt. Es ist durchaus möglich, dass neue Technologien und Konzepte in ein paar Jahrzehnten ein Wachstum ermöglichen, das Sonntagsredner heute als "nachhaltig" preisen. Gefragt sind Erfindungen zu Fahrzeugantrieben, in der Energiegewinnung und Siedlungsstrukturen, die auf kürzere Wege und effizienten Verbrauch ausgerichtet sind. So werden seit dem Ölpreisschock des vergangenen Sommers mit Hochdruck Elektroautos entwickelt. In der Wüste von Abu Dhabi entsteht eine Vorzeige-Ökostadt, die ohne Privatautos auskommen und sich komplett aus erneuerbaren Energien speisen soll. Auf solche Entwicklungen sollten Konjunkturprogramme zielen - und auf die Förderung von Bildung, denn Menschen müssen auf die guten Ideen kommen. Bedarf für intelligente Investitionen gibt es genug.
Das alles ist nicht zu Schnäppchenpreisen zu haben. Ein größerer Teil der persönlichen Ausgaben wird künftig nicht mehr in den Konsum, sondern in Dienstleistungen fließen. Angesichts ungeheurer Schuldenberge wird der Staat für immer weniger geradestehen können. Umso wichtiger ist es, dass die Politik das Gerüst für ein Wachstum baut, das von Werten getrieben ist. Die heutigen Generationen haben die Krise verursacht und werden deren Folgen hinterlassen. Sie schulden es ihren Kindern, eine neue Vision von Wohlstand zu entwickeln.
(SZ vom 22.04.2009/mel)
Machtkampf in der Linken
Das ist ja alles gut und schön - nur aollte man noch mal in aller Deutlichkeit aussprechen, dass Deutschlands Rolle bei der Entstehung der Krise eine andere war als die der USA - die USA hat volkswirtschaftlich über seinen Verhältnissen gelebt wohingegen Deutschland UNTER seinen Möglichkeiten geblieben ist - hierzuland gab jahrelange Leistungsbilanzüberschüsse und einen massiven Kaptialexport in die USA!
Hieß das Credo der letzten Jahren in Deutschland nicht GEIZ IST GEIL also Sparen. Sparen, Sparen und eben NICHT Wachstum! Selbst während des weltwirtschaftlichen Booms 2007 betrug das deutsche Wachstum nie mehr als bescheidene 2,9% - und dieses moderate Wachstum stützte sich zum Großteil auf dem Export.
Daher: Deutschalnd braucht höheres Wachstum und eine prosperierende Binnenkonjunktur - damit Aufschwünge endlich mal wieder bei Geringverdienern und Kleinunternehmen ankommen!
Oder um mit John M Keynes zu sprechen: "Langfristig sind wir alle tot!" Die Arbeitnehmer brauchen JETZT ein gutes Einkommen, eine ordentliche Infrastruktur und funktionierende Sozialsysteme. Und das kostet Geld!
bisher, so dachte ich jedenfalls, exportieren wir überwiegend in EU-Länder?! Stimmt das nicht? Gehören die USA zur EU? Fragen über Fragen und in der SZ nur dichter Nebel
Erhellend ist doch, wie die Regierung mit der ABWRACK-PRÄMIE am eigentlichen Ziel, die "BIOSKRISE" in den Griff zu bekommen, vorbeischrammt. Lesen Sie dazu den Beitrag unter .zeit.de/2008/48/Autokauffoerderung
insbesondere in Kenntnis der völligen, totalen Irrtümer in den Glaskugelvoraussagen durch promovierte Untergangstheoretiker in eigenem Auftrag, ja ich habe den Unsinn gelesen und er steht hier auch noch irgendwo bei mir herum, wäre eigentlich dreist.
Aber da gibt des ja noch das "Gewohnheitsrecht" zum Ausschalten des Gehirns.
Ein wohltuender Kontrast zu den unsäglich dümmlichen Ergüssen
eines Marc Beise oder Nikolaus Piper...
Insbesondere der Satz "Exportnationen wie Deutschland oder China
haben ihren Boom zu großen Teilen Millionen von Amerikanern zu verdanken,
die über ihre Verhältnisse gelebt haben" bringt die Ursache der Krise meiner
Meinung nach auf den Punkt.Die letzten 20 Jahre wurden mit der Begründung
die Globalisierung würde dies erfordern weltweit Löhne und Sozialleistungen
abgebaut um Renditen zu steigern. Die alte Weisheit, dass Autos keine Autos
kaufen wurde - zeitweise - ausgehebelt, indem durch Spekulationsblasen
bei Aktien oder Immobilien scheinbar Geld aus dem Nichts entstand und so die
Lohnverluste scheinbar ausgeglichen werden konnten. Und dieses System
ist jetz kollabiert, die `Boomländer' von Lettland, über Irland bis zu den USA
sind pleite. Und jetzt stehen sie da, all die tollen Firmen, strotzend vor
Wettbewerbsfähigkeit, aber da ist keiner mehr der ihnen ihre Produkte abkauft.
Die Leute in den Billiglohnländern sowieso nicht, und auch in den Industriestaaten
gibt es dank Niedriglohnsektor, Mini-Jobs und anderen neoliberalen `Reformen'
keine ausreichende Kaufkraft mehr. Dumm gelaufen.....
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