Fünf Jahre hat Aldi Süd getestet - jetzt bekommen fast alle Filialen Backautomaten. Den bedienen die Kunden sogar selbst. Die Bäckerbranche ist in Aufruhr.
Der Backwarenmarkt in Deutschland steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Aldi Süd hat sich nach einer mehr als fünfjährigen Testphase dazu entschlossen, in fast allen seiner knapp 1800 Märkte Backautomaten aufzustellen. Dort können Kunden Brot und Brötchen per Knopfdruck bestellen; dann wird die bestellte Ware in einem für sie nicht einsehbaren Ofen frisch aufgebacken. Bezahlt wird an der Kasse.
Bei Aldi gibt es künftig Brötchen auf Knopfdruck. (© Foto: AFP)
Anzeige
"Die Entscheidung von Aldi Süd, ofenfrische Backwaren zu verkaufen, wird an vielen Orten zu einer Neuverteilung von Marktanteilen führen", prognostiziert Lutz Henning, Vorstandsvorsitzender der Bäko-Zentrale Nord in Duisburg. Das Unternehmen ist zusammen mit dem Schwesterverband Bäko Süd der bundesweit größte Lieferant für die Backbranche. Aldi Süd dagegen bezieht die Rohlinge nach Angaben aus der Branche vom Düsseldorfer Backwarenhersteller Lieken. Die Automaten stammen vom schwäbischen Bäckereimaschinenhersteller Werner & Pfleiderer.
Auf dem deutschen Backwarenmarkt, der noch stark von Handwerksbetrieben geprägt ist, herrscht schon jetzt starker Verdrängungswettbewerb. Denn es gibt nahezu kein Wachstum. Der Appetit der Bundesbürger auf Brot und Brötchen lässt sich kaum mehr steigern.
Bäcker befürchten Preisdruck
Sie verzehren in jedem Jahr pro Kopf etwa 85 Kilogramm Backwaren und gehören damit zu den fleißigsten Brot- und Brötchenessern in Europa. Gleichzeitig drängen ständig neue Anbieter auf den Markt. Lebensmittelhändler installieren in ihren Filialen Backstationen, an denen tiefgekühlte Ware aufgebacken und den Kunden präsentiert wird. Billiganbieter erweitern ihr Sortiment mit abgepackten Backwaren. Zudem locken vor allem in den Fußgängerzonen großer Städte Backdiscounter wie Backwerk oder Backfactory mit Niedrigpreisen für ein eher überschaubares Angebot.
Unter Druck stehen vor allem Handwerksbäcker, die oft noch mit Nachfolgeproblemen zu kämpfen haben. Etwa 9000 Backbetriebe haben nach Angaben des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks in den vergangenen zehn Jahren geschlossen. Damit ist das Netz der Meisterbetriebe auf 15.000 geschrumpft. Bäckereigeschäfte gibt es dagegen 46.000. Nur sind die meisten reine Verkaufsstellen, die von zentralen Backorten mehrmals täglich beliefert werden oder Brötchen im Laden bräunen.
Über die Pläne von Aldi Süd im Backwarengeschäft ist bisher wenig bekannt. Das Unternehmen selbst äußert sich dazu nicht. Nach Angaben aus der Branche hat der Discounter lange gezögert, bis er sich entschieden hat, Backautomaten in allen Märkten zu installieren. "Das ging mehrere Jahr hin und her", berichtet ein Insider.
Ein Knackpunkt sei der Platzbedarf gewesen. Die Automaten benötigen etwa sechs Quadratmeter Stellfläche - Platz, der sonst als Verkaufsfläche genutzt werden könnte. Marktkenner erwarten, dass der Discounter zwei bis drei Jahre benötigen wird, bis sämtliche Filialen mit den Geräten ausgestattet sind. Die Kosten für Backautomat und Umrüstung einer Filiale werden auf bis zu 100.000 Euro geschätzt. Somit wird Aldi Süd der Einstieg in das Geschäft mit ofenfrischen Backwaren knapp 200 Millionen Euro kosten.
Dass sich Aldi Süd trotzdem dazu entschlossen hat, groß ins Geschäft mit ofenfrischem Brot und Brötchen einzusteigen, dürfte zum einen mit den in diesem Bereich möglichen hohen Margen zusammenhängen. Zum anderen soll der Verkauf von Backwaren auch neue Kunden in die Läden locken, die dann möglicherweise auch andere Artikel kaufen.
Ohnehin hat Aldi sein Angebot an frischen Artikeln in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt erweitert - von kühlungsbedürftigen Waren bis hin zu frischem Obst und Gemüse. In einer Münchner Filiale testet der Discounter derzeit den Verkauf von gekühlten Konditoreiwaren.
Angesichts des aggressiven Auftretens von Aldi könnten die Preise für Brot und Brötchen sinken, sobald der Discounter flächendeckend aktiv ist, wird in der Backwarenbranche befürchtet. In den Testmärkten ist Aldi dagegen nicht mit Kampfpreisen aufgefallen: Ein Weizenbrötchen kostete dort 15 Cent, eine Laugenbrezel 39 Cent und ein Baguette 79 Cent.
Nachahmer erwartet
"Zu diesen Preisen bieten auch wir unsere Waren an", sagt Dirk Schneider, geschäftsführender Gesellschafter des Backdiscounters Backwerk, der bundesweit etwa 270 Verkaufsstellen betreibt. Er erwartet, dass die Entscheidung von Aldi Süd bald Nachahmer unter den Billiganbietern finden wird: "In spätestens drei Jahren werden alle Discounter frische Backwaren anbieten." Lidl und Penny experimentieren schon heute in einigen Filialen mit Backautomaten. Andere Billiganbieter präsentieren frische Backwaren im Regal.
Bäko-Nord-Chef Henning rät den Handwerksbäckern, sich auf keinen Preiskampf mit den Discountern einzulassen. "Traditionelle Betriebe haben nur eine Chance, wenn sie auf Qualität setzen, ein individuelles Angebot präsentieren und von den Kunden als Marke wahrgenommen werden", findet Henning.
Cinemaxx-Chef Gisy über Rivalen, 3-D-Filme und den fehlenden Mut der hiesigen Regisseure. Jetzt lesen ...
- Wirtschaft kompakt Wurst und Fleisch als Billigware 03.12.2009
- Wirtschaft kompakt Billiger geht's immer 23.10.2009
- Ernährung: Brot-Konsum Aufessen statt wegwerfen 10.09.2009
- Wirtschaft kompakt Zahnpasta und Shampoo - günstig abzugeben 06.05.2010
- USA 10.000 Artikel billiger - Wal-Mart im Preiskampf 09.04.2010
- Wirtschaft kompakt Krieg der Discounter 08.04.2010
- Discounter Preisspirale nach unten 08.10.2009
(SZ vom 21.12.2009/hgn)
Konsequenz der Loveparade-Katastrophe
Hallo Gute Aussicht,
obwohl alles in meinem Komentar wahr ist, so sollte dennoch Ironie durchscheinen.
Ich kann dem Leben auf dem Land und in einer Kleinstadt viel abgewinnen und habe meine langen Jahre in Mittenwald (würde ich als Land bezeichnen) und in Regensburg (würde ich als Kleinstadt bezeichnen) sehr genossen und würde wieder dort hinziehen. Luft ist sicher ein wichtiger Grund.
Es aber als Vorteil hinzustellen, nur einen Bäcker zu haben, und als Grund dafür den Kleinstadtstatus anzuführen, fand ich sehr reduziert von LaVictoria.
Ich bin für Vielfalt und den garantiert Wettbewerb. Manchmal nicht optimal (ich kriege seit einigen Monaten keine frische Milch mehr, sondern nur noch ESL-Milch, deswegen: Wenn ich frische Milch sehe, kaufe ich sofort mehrere Liter, um darüber vielleicht etwas zu bewirken ..., das ist auf dem Land sicher auch besser, in den meisten Kleinstädten aber sicher auch ein Thema)
Fazit: Ich kaufe gute Produkte beim richtigen Bäcker und auch gute Produkte bei Aldi und das Vollkornkastenbrot schmeckt eben gut, auch wenn es aus dem Automaten kommt.
Hinweis: Hier ist eine weiterer Bäcker mit eigener Backstube, der Sohn ist aber eine echte Trantüte, vielleicht ein Grund, warum die Produkte dort nicht gut sind. Dort kaufe ich eben dann nicht mehr.
Daraus werden Brötchen in der Bäckerei gebacken:
http://www.meistermarken-ulmerspatz.de/produkte-us/broetchen-backmischung/index.html
Das ist gut. Ein Grund mehr, Aldi die Treue zu halten ;-))
Hoffentlich auch ohne gefährliche Konservierungsstoffe...
EIn Bäcker ist nicht jemand, der vakuumverpackte Teiglinge auspackt und in den rechnergesteuerten Backautomaten schiebt und das zeug dann hinterher als "frisch gebacken" verkauft. Das ist ein.... Verkäufer, der nebenbei eine Maschine bedient. Er hat i.d.R. NULL Ahnung von dem, was da abläuft.
Ein *Bäcker* weiss, wie man einen *Teig* macht, macht den auch selbst und bäckt daraus Semmeln, Brezen, Brot, Weckerl, Stangerl, Loaberl.... was weiss ich.
Das Problem ist doch, dass der Grossteil nicht bereit ist, gute Arbeit zu bezahlen. Nein, nicht die Bäcker haben "den Vorteil der Mechanisierung nicht weitergegeben", wie uns hier jemand weis machen möchte. Sie sind durch die Billigketten kaputtgemacht worden, weil man mit dem Handwerk nicht gegen diese Billigheimer konkurrieren kann, wenn der Kunde die Produkte nicht unterscheiden kann und will!
DW
Man kann ruhig davon ausgehen, dass die meisten Bäckereien inzwischen fertige Mehlmischungen Teige zukaufen, die nur mehr mit Wassern gemischt und gerührt werden müssen.
Was in diesen Vorprodukten (alleine für die Haltbarmachung) alles sonst noch drinnen ist, kann man in einschlägigen Büchern nachlesen.
Insoferne ist die aufgebackene Pampe bei Aldi dann gar nicht mehr so schlimm.
Paging