Lebensmittel-Sicherheit "Viele Skandale sind nur Panikmache"

Verbraucherschützer Gerd Billen legt den Verbrauchern mehr Hygiene bei Lebensmitteln ans Herz - die Angst vor Pestiziden sei hingegen oft übertrieben.

Von Daniela Kuhr

Deutschlands oberster Verbraucherschützer Gerd Billen plädiert für eine bessere Aufklärung über Lebensmittel. "Verbraucher nehmen manchmal kleine Gefahren sehr ernst, während sie große gar nicht erkennen", sagte der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen der Süddeutschen Zeitung.

Gerade die Ernährungsbranche gerät immer wieder in die Schlagzeilen - Gift im Rucola, leberschädigendes Cumarin in Zimtsternen, Pestizide in Gemüse. Verbraucher können den Eindruck gewinnen, dass Ernährung lebensgefährlich ist.

Doch Billen wiegelt ab. "Natürlich gibt es im Einzelfall Probleme, aber alles in allem haben wir in Deutschland ein hohes Maß an Qualität und Sicherheit", sagt er. "Viele Skandale waren keine Skandale, sondern Ausdruck von Hysterie und Panikmache."

Bauern wurden Ernte nicht mehr los

Beim Rucola beispielsweise waren die Verbraucher im Sommer stark verunsichert. Ein Wissenschaftler hatte in einer Salatpackung Blätter des Gemeinen Kreuzkrauts gefunden, die dem Rucola sehr ähnlich sehen, aber giftig sind.

Umgehend räumten Discounter ihre Regale leer, Bauern wurden ihre Ernte nicht mehr los. Am Ende stellte sich heraus, dass das Problem offenbar doch nicht so gravierend war wie anfangs gedacht.

Auch bei den Pestiziden hält Billen die Sorgen der Verbraucher für übertrieben. Natürlich sei es nicht gut, dass überhaupt belastetes Obst oder Gemüse auf den Markt komme, sagt er. "Aber es ist ja nicht so, dass wir Hunderte Pestizidtote zu beklagen hätten."

Häufige Darmerkrankungen

Die Lebensmittelüberwachung funktioniere in dem Bereich recht gut, der Großteil der Ware sei nicht zu beanstanden."Während zum Teil geringste Pestizidrückstände eine breite öffentliche Debatte auslösen, wird das Risiko durch bakteriell belastete Lebensmittel kaum wahrgenommen."

So wurden allein in Deutschland im Jahr 2008 knapp 43.000 Salmonellenerkrankungen gemeldet. Noch häufiger sind Darmerkrankungen infolge von Campylobacter-Infektionen. Diese Bakterien sind verbreitet an Hähnchenfleisch anzutreffen. Deshalb sollten Verbraucher gründlicher über den richtigen Umgang mit Lebensmitteln aufgeklärt werden.

Das Risiko einer Erkrankung lasse sich verringern. Nicht jedem sei klar, "dass man das Messer, mit dem das Hühnchen filetiert wurde, waschen muss, bevor man Tomaten damit schneidet", sagt Billen. "Da ist übrigens auch nicht jede Kochsendung hygienetechnisch immer als Vorbild geeignet."

In einer globalisierten Welt werden auch die Transportwege immer länger. Der Verbraucherschützer plädiert deshalb dafür, die für die Lebensmittelüberwachung zuständigen Behörden der Länder besser auszustatten und die Kontrolle insbesondere an den EU-Außenstellen zu verstärken.

Mit Gammelfleisch mehrmals große Probleme"

"Wenn wir Waren aus Drittländern importieren, müssen wir in der Lage sein zu kontrollieren, ob sie unseren Vorstellungen von Hygiene oder auch Zusammensetzung entsprechen."

Dringenden Handlungsbedarf sieht Billen beim Verbraucherinformationsgesetz. Theoretisch können Bürger seit Mai 2008 bei Behörden Auskunft darüber verlangen, was zum Beispiel bei Lebensmittelkontrollen in Betrieben oder Supermärkten herausgekommen ist. In der Praxis aber hat sich das Gesetz als wirkungslos herausgestellt. "Verbraucher sollten wissen, was die Kontrollen ergeben haben, damit sie entscheiden können, wo sie essen gehen wollen und wo nicht."

In Dänemark vergeben die Lebensmittelkontrolleure sogenannte Smileys, also Gesichter, die freundlich oder betrübt schauen. Jedes Unternehmen oder Restaurant muss sein Smiley im Schaufenster veröffentlichen. "Das hilft zu erkennen, ob in einem Betrieb hygienisch gearbeitet wird oder nicht", sagt Billen.

Der Verbraucherschützer begrüßt, dass die schwarz-gelbe Koalition beschlossen hat, Schlachtabfälle künftig einzufärben. "Denn mit Gammelfleisch hatten wir in der Vergangenheit tatsächlich mehrmals große Probleme." Die Einfärbung werde zwar nicht jeden Skandal verhindern, aber sie erschwere Betrügern das Handwerk.

Gut, besser, ökologisch?

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