Lars Windhorst im Gespräch "Und dann verlor ich das Bewusstsein"

Das einstige Wunderkind Lars Windhorst über seinen Aufstieg, seine Abstürze, Helmut Kohl - und ein Leben ohne Kreditkarte.

Interview: Melanie Ahlemeier, Marc Beise und Uwe Ritzer

Er kommt im feinen dunklen Anzug mit Einstecktuch und wirkt sehr nervös: Seit acht Jahren hat Lars Windhorst, 33, kein Interview mehr gegeben. "Wahrscheinlich sogar seit neun Jahren", sagt er angespannt, als er im verspiegelten Aufzug hinauffährt in den 23. Stock des SZ-Hochhauses in München. Windhorst war als Teenager-Unternehmer kometenhaft aufgestiegen, später folgten mehrere Pleiten und ein Flugzeugabsturz. Heute ist er als Finanzmanager der britischen Investmentgruppe Sapinda wieder dick im Geschäft. Drei Stunden dauert das Gespräch, am Ende wirkt er entspannt.

SZ: Wunderkind der New Economy. Abgestürzter Jungunternehmer. Schillernde Figur. Windhorst gleich Windei. Stehaufmännchen - über Sie gibt es viele Begriffe. Welcher gefällt Ihnen selbst am besten?

Windhorst: Damit kann ich mich gar nicht identifizieren. Das bin ich nicht.

SZ: Wirklich nicht? Sie waren ein spektakulärer Jüngstunternehmer und haben schon als Mittzwanziger eine grandiose Pleite hingelegt ...

Windhorst: Ich sage ja nicht, dass die Vorwürfe hinter den Klischees alle unberechtigt sind. Ich habe Leute enttäuscht, die viel Vertrauen in mich investiert und verloren hatten ...

SZ: ... und viel Geld.

Windhorst: Auch das. Viele haben entsprechend emotional reagiert. Auch wenn manches davon unfair war, habe ich doch ein gewisses Verständnis - bei Geld hört die Freundschaft eben oft auf.

SZ: Wie gehen Sie damit um, dass Sie seit zehn Jahren massiv in der Kritik stehen?

Windhorst: Manchmal ist es mir schwergefallen, den Mund zu halten. Aber ich wollte Auseinandersetzungen nicht zusätzlich befeuern. Hinter mir liegen extrem schwierige Jahre mit vielen Turbulenzen. Mein Ansporn heute ist es, der Häme Fakten entgegenzusetzen und Kritiker auf lange Sicht zu überzeugen. Schließlich will ich noch einige Jahrzehnte unternehmerisch aktiv sein.

SZ: Ihre Mutter, heißt es, schaue in keine Zeitung mehr, um nicht ständig Negatives über Sie zu lesen.

Windhorst: Sie konnte den Nachrichten ja gar nicht ausweichen. Eltern reagieren natürlich besonders sensibel, wenn der Sohn in der Öffentlichkeit angegriffen wird. Noch dazu, wenn sie einer Kleinstadt leben. Ich habe natürlich auch Mist gebaut.

SZ: Nämlich?

Windhorst: Ich habe vor zehn oder 15 Jahren viele Entscheidungen getroffen, die aus heutiger Sicht falsch waren.

SZ: Warum?

Windhorst: Teilweise war ich naiv, unvorsichtig und unbedarft. Ich habe mich in einer Mischung aus Euphorie, Motivation und Begeisterungsfähigkeit für neue Projekte schlecht vorbereitet und ohne Risikoabsicherung in alles Mögliche gestürzt. Einfach aus dem Glauben heraus, das irgendwie schon hinzubekommen.

SZ: Waren Sie größenwahnsinnig?

Windhorst: Nein, nur über alle gesunden Grenzen hinaus motiviert.

SZ: Sie wollten als 18-Jähriger in Vietnam einen Wolkenkratzer mit 55 Stockwerken bauen. Das erwies sich als Luftnummer.

Windhorst: Das war eine tolle Idee, ein visionäres Pionierprojekt, das ich heute noch für richtig halte. Aber ich war damals ganz jung und hatte noch nicht einmal ein Einfamilienhaus gebaut ...

SZ: ... und dann gleich ein Mega-Projekt, das natürlich unbedingt "Windhorst-Tower" heißen musste.

Windhorst: Das stimmt schon, mir ging es auch darum, dass das Projekt meinen Namen tragen sollte. Aus heutiger Sicht ist das natürlich verrückt. Aber man darf bei all dem nie vergessen: Ich habe mit 16 Jahren die Schule abgebrochen. Ein Jahr später hatte ich Firmen mit fast hundert Mitarbeitern und der erste große Wirbel um meine Person begann.

SZ: Plötzlich war vom Wunderkind die Rede.

Windhorst: Ich war natürlich begeistert und fand es toll, es meinen ehemaligen Klassenkameraden am Gymnasium Espelkamp zu zeigen, die meinen Schulausstieg belächelt hatten. Die öffentliche Aufmerksamkeit war ein Sprungbrett, aus diesem damals engeren Korsett rauszuhüpfen.

SZ: Wollten Sie nie, wie andere Jungs, Pilot oder Fußballprofi werden?

Windhorst: Nie. Ich wollte immer Unternehmer werden. In der großen Welt der Wirtschaft mitzumischen war mein Traum. Mit 14 hatte ich meine erste Firma, die noch auf meinen Vater lief. Das war ein Handel mit Computerteilen.

SZ: Waren Sie denn ein Computer- oder Elektronikfreak?

Windhorst: Gar nicht. Mich haben einfach die Geschäfte interessiert, der Handel, der Umgang mit Kunden. Die Branche war für mich nur Mittel zum Zweck. Seit 1996 bin ich als Investor und Händler tätig. Ich habe über Transaktionen und Investitionen Werte geschaffen und aufgebaut.

SZ: Mussten Sie nicht zur Bundeswehr?

Windhorst: Ich habe damals dem Kreiswehrersatzamt erläutert, dass meine Anwesenheit im Unternehmen unbedingt erforderlich ist und wurde zurückgestellt - das war nichts Unübliches.