Ungleichheit in Deutschland Den Reichen nehmen hilft den Armen nicht

Ungleichheit in Deutschland: Ein Mann bittet auf dem Kurfürstendamm in Berlin um Spenden (Archiv).

(Foto: dpa)

Umverteilung? Hohe Erbschaftsteuern? Viel wichtiger ist etwas anderes.

Kommentar von Marc Beise

Wohlstand für alle, dies war einst das Ziel von Ludwig Erhard, Vater des Wirtschaftswunders, Minister und später CDU-Bundeskanzler; das Buch mit dem berühmten Titel erschien 1957. Knapp 60 Jahre später sei dagegen "Wohlstand für wenige" die Wirklichkeit in Deutschland, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW und derzeit einflussreichster Ökonom im politischen Berlin. Sein Buch "Verteilungskampf - Warum Deutschland immer ungleicher wird", am Montag in der Hauptstadt vorgestellt, wird Wirkung entfalten, weil es exakt auf dem Zeitgeist surft.

Dass Deutschland immer ungleicher wird, und dass dies übrigens die Schuld der Regierenden von Kohl über Schröder bis Merkel sei, ist eine verbreitete Sichtweise. Aber wächst die Ungleichheit überhaupt - in Deutschland, in Europa, in der Welt? Und wenn ja, kann man das ändern? Und soll man es überhaupt? Darüber diskutieren seit Jahren Ökonomen, Philosophen und andere kluge Menschen. Schon die Frage, ob Ungleichheit überhaupt ungerecht ist oder sich einer solchen Kategorisierung entzieht, ob sie ferner nicht vielleicht sogar hilft, mehr Fortschritt und Wachstum anzustoßen und am Ende für mehr Wohlstand zu sorgen - darüber kann man lange streiten.

Gefühlt wird die Ungleichheit immer größer

Gleiches gilt für die Frage, ob sich die Schere zwischen Arm und Reich wirklich und überall immer weiter öffnet (und wer dafür die Verantwortung trägt). Zahlreiche Studien kommen je nach Zuschnitt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Es ist ja eigentümlich: Je differenzierter die Fachdiskussion geführt wird, desto plakativer urteilt die Öffentlichkeit. Gefühlt wird die Ungleichheit immer größer. Wer aber nicht differenziert, vergibt die Chance, Dinge zum Besseren zu wenden.

Am besten belegt ist, erstens, die These der wachsenden Ungleichheit beim Vermögen. Mehr als die Hälfte des Volksvermögens in Deutschland, das kann man wohl sagen, gehört den reichsten zehn Prozent, während 40 Prozent der Haushalte gar kein nennenswertes Vermögen haben. Schwieriger ist es schon beim zweiten, viel wichtigeren Thema, dem laufenden Einkommen. Wenn man hier, wie das häufig geschieht, die vergangenen 25 Jahre, also seit 1990, zugrunde legt, sieht man die viel zitierte sich immer weiter öffnende Schere. Wenn man allerdings nur die vergangenen zehn Jahre nimmt, stellt man fest, dass sich da seit 2005 nix mehr öffnet. Die Arbeitseinkommen steigen heute im Gleichklang mit den Kapitaleinkommen. Einzelne Supereinkommen sind spektakulär, fallen aber statistisch kaum ins Gewicht.