Süddeutsche Zeitung

Ungleichheit in Deutschland:Den Reichen nehmen hilft den Armen nicht

Lesezeit: 3 min

Umverteilung? Hohe Erbschaftsteuern? Viel wichtiger ist etwas anderes.

Kommentar von Marc Beise

Wohlstand für alle, dies war einst das Ziel von Ludwig Erhard, Vater des Wirtschaftswunders, Minister und später CDU-Bundeskanzler; das Buch mit dem berühmten Titel erschien 1957. Knapp 60 Jahre später sei dagegen "Wohlstand für wenige" die Wirklichkeit in Deutschland, sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW und derzeit einflussreichster Ökonom im politischen Berlin. Sein Buch "Verteilungskampf - Warum Deutschland immer ungleicher wird", am Montag in der Hauptstadt vorgestellt, wird Wirkung entfalten, weil es exakt auf dem Zeitgeist surft.

Dass Deutschland immer ungleicher wird, und dass dies übrigens die Schuld der Regierenden von Kohl über Schröder bis Merkel sei, ist eine verbreitete Sichtweise. Aber wächst die Ungleichheit überhaupt - in Deutschland, in Europa, in der Welt? Und wenn ja, kann man das ändern? Und soll man es überhaupt? Darüber diskutieren seit Jahren Ökonomen, Philosophen und andere kluge Menschen. Schon die Frage, ob Ungleichheit überhaupt ungerecht ist oder sich einer solchen Kategorisierung entzieht, ob sie ferner nicht vielleicht sogar hilft, mehr Fortschritt und Wachstum anzustoßen und am Ende für mehr Wohlstand zu sorgen - darüber kann man lange streiten.

Gefühlt wird die Ungleichheit immer größer

Gleiches gilt für die Frage, ob sich die Schere zwischen Arm und Reich wirklich und überall immer weiter öffnet (und wer dafür die Verantwortung trägt). Zahlreiche Studien kommen je nach Zuschnitt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Es ist ja eigentümlich: Je differenzierter die Fachdiskussion geführt wird, desto plakativer urteilt die Öffentlichkeit. Gefühlt wird die Ungleichheit immer größer. Wer aber nicht differenziert, vergibt die Chance, Dinge zum Besseren zu wenden.

Am besten belegt ist, erstens, die These der wachsenden Ungleichheit beim Vermögen. Mehr als die Hälfte des Volksvermögens in Deutschland, das kann man wohl sagen, gehört den reichsten zehn Prozent, während 40 Prozent der Haushalte gar kein nennenswertes Vermögen haben. Schwieriger ist es schon beim zweiten, viel wichtigeren Thema, dem laufenden Einkommen. Wenn man hier, wie das häufig geschieht, die vergangenen 25 Jahre, also seit 1990, zugrunde legt, sieht man die viel zitierte sich immer weiter öffnende Schere. Wenn man allerdings nur die vergangenen zehn Jahre nimmt, stellt man fest, dass sich da seit 2005 nix mehr öffnet. Die Arbeitseinkommen steigen heute im Gleichklang mit den Kapitaleinkommen. Einzelne Supereinkommen sind spektakulär, fallen aber statistisch kaum ins Gewicht.

Die Entwicklung ist auch nicht Folge einer gnadenlosen Politik für Reiche, sondern erklärt sich durch die Globalisierung, die technische und wirtschaftliche Entwicklung und andere Faktoren - genau das macht es so schwer, den Trend zu wenden. Es hilft den vielen Armen nicht, den vergleichsweise wenigen Reichen stärker zu Leibe zu rücken. Ohnehin findet in Deutschland über das Steuer- und Sozialsystem bereits eine gewaltige Umverteilung statt, von deren Ausmaß Sozialreformer in den USA und anderen Ländern nur träumen können.

Deswegen wäre es so wichtig, sich hier nicht zu verzetteln, sondern sich lieber dem dritten Bereich zuzuwenden: der Chancengleichheit, um die es in Deutschland tatsächlich deutlich schlechter bestellt ist als in vergleichbaren Industriestaaten. Und sie ist nun wirklich ungerecht: Aus der Schicht, in die man geboren wird, gibt es kaum ein Entkommen.

Mehr investieren, um Zuwanderung zum Erfolg zu machen

Das hat viele Gründe, zum Beispiel ein zu wenig durchlässiges Schulsystem und eine unzureichende Förderung der frühkindlichen Prägung. Das alles ist seit Jahren bekannt, aber nicht wirklich bekämpft. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Bildung sogar einmal zur Chefsache gemacht hat, bevor Euro- und jetzt Flüchtlingskrise dazwischenkamen.

Übrigens: Erst recht, wer die Zuwanderung zu einem Erfolg machen will, wer es - mit der Kanzlerin gesprochen - "schaffen" will, der muss hier investieren und zwar viel mehr, als bisher investiert wird. Man kann das sehr konkret machen, kann über den Kita-Ausbau reden, über mehr Lehrer und Erzieher, die deutlich besser bezahlt werden müssen, über bessere Schulen und Förderprogramme in ärmeren Stadtvierteln.

Hierfür zu kämpfen, ist zielführender als zähe Debatten über die Wiedererhebung der Vermögensteuer, die unendlich bürokratisch ist und geringe Erträge bringt, über höhere Erbschaftsteuern, die Familienbande gering schätzen, oder über die Anhebung des Spitzensteuersatzes, der wegen des Steuersystems doch wieder vor allem die Mittelschicht trifft.

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Quelle:
SZ vom 15.03.2016
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