Jeffrey Sachs zur Griechenland-Krise Deutschland ist für die Misere mitverantwortlich

Griechische Händler bei Ausschreitungen auf dem Syntagma-Platz in Athen am vergangenen Mittwoch.

(Foto: Bloomberg)

Die Griechenland-Politik Deutschlands und der EU waren unprofessionell, geprägt von Vorurteilen und dem Bedürfnis, Athen zu bestrafen. Das muss sich ändern.

Gastbeitrag von Jeffrey Sachs

Seit 30 Jahren nun helfe ich Ländern, Finanzkrisen zu überwinden. In allen diesen Krisen gibt es ein inhärentes Ungleichgewicht zwischen mächtigem Gläubiger und verletzlichem Schuldner. Erfolgreiches Krisenmanagement hängt daher von der Weisheit des Gläubigers ab. Aus diesem Grunde bitte ich Deutschland dringend, seine Haltung gegenüber Griechenland zu überdenken - Griechenland, Deutschland und Europa zuliebe.

Drei Leitgedanken

Das Problem: Griechenland steht nach der Rettungspolitik schlechter da denn je

Die These: Deutschland ist für die Misere verantwortlich

Die Forderung: Deutschland muss sich für einen harten Schuldenschnitt einsetzen

Finanzkrisen werden durch exzessive Verschuldung ausgelöst. Ursache ist meist eine Mischung aus Missmanagement, Euphorie, Korruption im Schuldnerland und Fehlurteilen von Gläubigerbanken. Griechenland passt in dieses Schema. Das Land hatte 2001, als es dem Euro beitrat, eine Staatsverschuldung von 99 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zwischen 2000 und 2008 bekam Griechenland als Euro-Mitglied sehr günstig Geld, die Staatsschulden stiegen auf 109 Prozent.

So ein Kreditboom schafft ein falsches Gefühl von Prosperität - falsch, weil der Wohlstand vom kontinuierlichen Zufluss von Kapital abhängt. Wenn der Kreditfluss stoppt, und er stoppt normalerweise abrupt, fällt das Schuldnerland in eine scharfe Rezession. Im Falle Griechenland stoppte der Kreditfluss mit der globalen Finanzkrise 2008. Bis 2011 schrumpfte das BIP um 18 Prozent, die Arbeitslosigkeit stieg von acht auf 18 Prozent.

Der scharfe Rückgang der Wirtschaftsleistung hat zwei Ursachen: Einmal ist es die Kürzung der Staatsausgaben, zum Zweiten bedrohen der Produktionsrückgang und der Stopp ausländischer Kredite den Bankensektor. Die Banken verlieren ihre Kreditlinien bei ausländischen Instituten, Sparer aus dem Inland ziehen ihre Guthaben ab. Das zwingt die Banken, ihr Kreditportfolio zusammenzustreichen.

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Normalerweise überwinden Volkswirtschaften eine Schuldenkrise, indem sie den Gürtel enger schnallen, die Staatsausgaben kürzen und mehr exportieren. Das erlaubt es, die Auslandsschulden zu bedienen. Wenn die Exporte stark und schnell genug steigen, wird der Rückgang der heimischen Nachfrage ausgeglichen, die Wirtschaft kann wieder wachsen. Spanien, Irland und Portugal schafften das, Griechenland schaffte es nicht.

Neue Kredite für alte Schulden

Auch als die inländische Nachfrage einbrach, legten die griechischen Ausfuhren nicht zu, sie gingen im Gegenteil zurück. Es gibt dafür mehrere mögliche Erklärungen. Vielleicht erhielten Exportfirmen nicht genügend Betriebskapital von den Banken, um ihre Produktion umzurüsten. Vielleicht ist die wirtschaftliche Basis in Griechenland zu schmal, um in kurzer Zeit einen sprunghaften Anstieg der Exporte generieren zu können. Und drittens gab es behördliche Hindernisse.

Ich habe die Hintergründe der griechischen Krise detailliert beschrieben, um mich der Politik der von Deutschland geführten EU-Partner widmen zu können. Aus meiner Sicht war diese unprofessionell und unklug, geprägt von Vorurteilen und zunehmend auch dem Bedürfnis, Athen zu bestrafen. Die Lösung der wahren Probleme stand nie im Mittelpunkt.

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Die Strategie der Gläubiger läuft bis heute darauf hinaus, durch neue Darlehen Griechenland in die Lage zu versetzen, Zins- und Tilgung zahlen zu können. 2010 erhielt Griechenland mit dem ersten Hilfspaket rund 110 Milliarden Euro, damit die Regierung einen Großteil ihrer Schulden bei deutschen und französischen Banken begleichen konnte. Dieser Bail-out veränderte die Struktur der griechischen Auslandsschuld, weg von Bankkrediten (die zum großen Teil zurückgezahlt wurden) und hin zu öffentlichen Darlehen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) und in zunehmenden Maße der Europäischen Zentralbank.

Die EZB musste den griechischen Banken Geld leihen, damit diese die Auflösung von Einlagen und ausbleibende Interbankenkredite kompensieren konnten. 2012 musste der Privatsektor auf einen Teil seiner Forderungen verzichten. Die Verbindlichkeiten gegenüber öffentlichen Gläubigern dagegen blieben ohne Abstriche in den Büchern.

Die nun beschlossene Vereinbarung sieht im Kern einen neuen Bail-out-Kredit von etwa 80 Milliarden Euro vor. Viele Menschen glauben, dass jetzt noch mehr Mittel ins verschwenderische Griechenland geschaufelt werden. Aber das stimmt nicht. Der größte Teil des Rettungspakets dient allein dazu, Griechenland in die Lage zu versetzen, Schulden zurückzuzahlen. Mit dem, was übrig bleibt, werden im Wesentlichen Banken rekapitalisiert. Für andere Zwecke wird Griechenland hingegen kaum Mittel erhalten - wenn überhaupt.

Im Gegenzug für Kredite, die lediglich der Bedienung bestehender Schulden dienten, haben die Kreditgeber dramatische Einschnitte in Staatsausgaben und Sozialleistungen verlangt, damit der Haushalt einen Primärüberschuss erzielen und zumindest einen Teil der Nettoschulden bedienen kann. Das Resultat war ein massiver Produktionsrückgang, ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit, ein massiver Rückgang bei Bankkrediten und der Zusammenbruch des Exports. Jahr um Jahr wurden neue Pakete mit der Hoffnung auf eine Erholung geschnürt. Und jedes Jahr ist diese Erholung ausgeblieben.