Inflation gegen die Krise Mehr Geld!

Mit Inflation ist zwar nicht zu spaßen, doch die Angst vor ihr ist übertrieben. Moderate Geldentwertung wäre der beste Weg, die Länder Südeuropas zu entlasten und zu stabilisieren. Wäre da nicht Angela Merkel und ihre "Alternativlosigkeit".

Ein Gastbeitrag von Adam Tooze

Der Autor ist Historiker an der Yale University. Zuletzt erschien von ihm das Buch "The Wages of Destruction: The Making and Breaking of the Nazi Economy" (Allen Lane, London).

"Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit", dazu bekannte sich Helmut Schmidt im Juli 1972 vor Ruhrkumpeln in der Dortmunder Westfalenhalle. Ein Statement, das aus Sicht von Ökonomen heute veraltet ist. Spätestens seit Margaret Thatcher und ihrem berühmten Slogan "There is no alternative" wissen wir es besser. Man kann Inflation nicht gegen Arbeitslosigkeit tauschen. Aber im Zeitalter der von Angela Merkel erneut propagierten "Alternativlosigkeit" stimmt Schmidts Kraftwort nachdenklich. Denn für heutige Ohren sind seine Zahlen und ihre Wertung schon erstaunlich: Heute würden fünf Prozent Arbeitslosigkeit auf Europa-Ebene als reine Utopie erscheinen. Fünf Prozent Inflation dagegen wären eine Katastrophe.

Was außerdem frappiert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Schmidt dies als Alternative hinstellte. Eine Alternative, über die man damals unter vernünftigen Leuten nachdenken und sprechen konnte. Dass dahinter vielleicht eine nicht mehr haltbare makroökonomische Theorie stand, ist nicht der Punkt. Was erstaunt, ist, dass hier keine "Alternativlosigkeit", sondern eine Entscheidungssituation postuliert wurde, und dass ein deutscher Spitzenpolitiker sich offen für eine maßvolle Inflation aussprach.

Dieses Echo aus einer längst verlorenen Welt sollte uns betroffen machen. Und dass diese Welt so fern und doch so nah ist, sollte die Wirkung nur intensiver machen. Volkswirte werden uns sagen, dass es keinen Grund gibt, diesen Zeiten nachzutrauern. Der unterstellte Trade-Off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, der von der berühmten Phillips-Kurve im fallenden Bogen schwungvoll nachgezeichnet wird, galt nicht für die Ewigkeit. In den Siebzigerjahren führte der Versuch, nach Schmidtscher Manier das eine gegen das andere auszutarieren, in die berüchtigte Stagflation - es gab mehr Inflation, aber nicht weniger Arbeitslosigkeit. Statt mit einer stabilen Alternative sah sich die Politik mit einer sich beschleunigenden Inflationsspirale konfrontiert.

Die Gegenwart, so heißt es, hat daraus die Lehren gezogen. Vieles wird in der heutigen Krise debattiert, nur die Inflation nicht. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ein einseitiges Anti-Inflationsmandat. Der fiskalpolitische Konservatismus ist per Schuldenbremse in der Berliner Verfassung festgeschrieben und soll nun ganz Europa verordnet werden. Wir befinden uns in einer anderen Realität als Schmidt im Sommer 1972. Darum stellt sich also die Frage: Wann begann dieses heutige Denken, wann fing unsere Gegenwart an? Wie sind wir hierhergekommen?

Die Geschichte, die sich die Zentralbankiers und ihre intellektuellen Vasallen bis vor fünf Jahren noch erzählten, war die eines Bildungsromans. Man hatte aus der Politik der Siebzigerjahre und ihren Konsequenzen gelernt. Die "Great Moderation", das Ende der Inflation, wurde durch die neue Lehre der Zentralbankautonomie eingeläutet. Unabhängige Experten etablierten eine neue Ära der Stabilisierung durch zielstrebige und glaubwürdige Politik.

Aber die Rede von der Great Moderation war verharmlosend. Zeitgleich mit dem Anfang der Krise des Kommunismus und dem Zusammenbruch der autoritären Regime in Lateinamerika fand auf beiden Seiten des Atlantiks zwischen 1978 und 1984 ein harter politischer Machtkampf um die Bedingungen der Stabilisierung statt. In den Bergwerksrevieren von England und Wales wurde er in Straßenschlachten ausgefochten. Aber auch in den Zentren der Macht ging es hart zu. Es war eine internationale wie auch nationale Auseinandersetzung. Margaret Thatcher und Ronald Reagan mögen ihre Schocktherapien auf nationaler Ebene angewendet haben, zwischen Deutschland und Frankreich ging es europäisch zu.

1979 ersetzte man das Festwährungssystem von Bretton Woods durch das Europäische Währungssystem (EWS). Aber was aus dieser währungspolitischen Zusammenarbeit zwischen den Ländern der Europäischen Gemeinschaft werden sollte, stand zunächst noch nicht fest. Die Bundesbanker befürchteten zunächst eine Europäische Inflationsgemeinschaft. Erst 1981, im dreiseitigen Machtkampf zwischen Helmut Schmidt, der sozialistischen Regierung Mitterrands und den Zentralbanken von Deutschland und Frankreich, fiel endgültig die Entscheidung. Europa sollte zur Niedriginflationszone werden.