Halloween Süßsaure Geschäfte

Halloween sei Dank: Lange Zeit galten Kürbisse als Arme-Leute-Gemüse, 2013 kauften Privathaushalte davon 15.300 Tonnen.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Die einen sind genervt, die anderen haben Spaß daran, der ursprünglich keltische Grusel-Brauch Halloween ist in Deutschland umstritten. An seinem Erfolg ändert das wenig: Das Spektakel ist ein riesiges Geschäft.

Von Uwe Ritzer

Vielleicht ist Harry Potter an allem schuld. Oder doch Dieter Tschorn. Potter, respektive seine Schöpferin, die Autorin Joanne Rowling, weil die Bücher und Filme über den Zauberlehrling einen weltweiten Hype für Magier und andere schräge Fantasy-Gestalten ausgelöst haben. Tschorn, 74, hingegen könnte schuld sein, weil er vor genau 20 Jahren ziemlich strategisch damit begann, einen ursprünglich keltischen Grusel-Brauch in Deutschland einzuschleppen, an dem sich die Geister scheiden: Halloween. "Ich schreibe mir den Erfolg schon auf meine Fahnen", sagt Tschorn, Harry Potter hin oder her.

Für manche Menschen ist das süßsaure Getue um die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November einfach nervig; Kirchenvertreter sehen darin sogar gotteslästerlich-satanistisches Treiben. Für Tschorn und seine Kollegen von der Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI) ist Halloween vor allem ein riesiges Geschäft. Mehr als 200 Millionen Euro werden nach Tschorns Schätzungen in diesem Jahr mit Produkten für den Grusel-Event umgesetzt. Und zwar quer durch mehrere Branchen.

Spielwarenhändler verkaufen Zombie-Kostüme, Süßwarenhersteller Monsteraugen und Skelette aus Fruchtgummi, Bäcker bieten Geisterkrapfen an und Metzger Halloween-Würstchen. Kneipen laden zu Kostümparties, Freizeitparks verlängern mit dem Spektakel die Sommersaison. Ein Molkereikonzern hat freundliche Totenköpfe auf seine Milchshake-Flaschen gedruckt und ein Kochportal im Internet empfiehlt neben unzähligen Kürbiss-Gerichten "Halloween-Schimmelbrot": Baguette-Scheiben, verziert mit ekliger Lebensmittelfarbe. "Wir haben einen echten Kult losgetreten, der inzwischen ein Wirtschaftsfaktor geworden ist", freut sich Tschorn.

Und das kam so:

Zu Beginn der neunziger Jahre fiel der Karneval aus, weil die deutschen Narren nicht lustig sein wollten angesichts des ersten Golfkrieges. Vor allem in Spielwarengeschäften lagen massenweise Kostüme rum, die keiner haben wollte. Die Branche plagt zudem seit langem ein Problem. Ihr Geschäft konzentriert sich extrem auf wenige Wochen vor Weihnachten, in denen viele Händler mehr als die Hälfte ihres Jahresumsatzes erwirtschaften. Da kam ein neuer, verkaufsfördernder Anlass recht.

Tschorn gebar und propagierte die Idee, Halloween aus den USA und Irland zu importieren, wo "All Hallows' Eve", die Nacht vor dem kirchlichen Allerheiligen also, schon sehr lange als Mix aus morbidem Volksbrauch und Kelten-Karneval zelebriert wird. Angebot schafft Nachfrage, und nachdem Tschorn im Lauf der Jahre immer mehr Kollegen vom gewinnbringenden Spuk überzeugen konnte, nahmen die Geschäfte Fahrt auf. "Die Zeit war dafür reif", sagt Tschorn.

Sogar die Kirche gibt ihren Widerstand auf

Also begannen auch die Deutschen damit, Kürbisse auszuhöhlen, ihnen Grimassen einzuschnitzen und sie von innen mit einer Kerze auszuleuchten. Und sie schicken ihre verkleideten Kinder zum Süßigkeitenschnorren in die Nachbarschaft.

Eine halbe Million Halloween-Kostüme, etwa 110.000 Perücken und 200.000 Hüte verkaufte der Handel 2013, dazu Masken, Grusel-Schminke und andere Accessoires. Das meiste wird in Asien produziert; immer mehr Ware kommt auch aus Osteuropa. Profiteure sind auch Gemüsebauern. Galten Kürbisse lange Zeit als Arme-Leute-Gemüse, kauften Privathaushalte allein vor Halloween 2013 davon 15.300 Tonnen.

Bisweilen hört der Spaß schnell auf. Die US-Handelskette Walmart bot jetzt "Fat Girl Costumes" an, Halloween-Verkleidungen für übergewichtige Frauen. Im Internet war die Hölle los; Walmart entschuldigte sich und stoppte die Aktion. Die Fast-Food-Kette Subway zog nach Protesten einen Werbespot zurück, bei dem Frauen zum Abnehmen aufgefordert wurden, um in sexy Halloween-Kostüme zu passen.

Vor allem aber bangen die Kirchen um die Aufmerksamkeit für den Reformations- und den Allerheiligentag. Polnische Bischöfe prangerten Halloween als satanische Verführung Minderjähriger an. Für "kommerziellen Humbug" hält die frühere Landesbischöfin Margot Käßmann das Treiben. Halloween geht auf ein keltisches Fest vor 2500 Jahren zurück, in dem Samhain gehuldigt wurde, dem Fürsten des Totenreiches.

Mancherorts allerdings versucht die Kirche auch Halloween für sich zu nutzen. Die evangelische Kirche in Norddeutschland etwa versüßt ihre Kampagne zum Reformationstag mit "Lutherbonbons". Erhältlich im Online-Kirchenshop, 500 Gramm für 4,50 Euro.