Griechenland und die Währungsunion Mit Anlauf in die Katastrophe

Es dürfte kaum ein Ereignis in der Geschichte gegeben haben, das derart zuverlässig vorhergesagt wurde: Mit geradezu mathematischer Gewissheit stürzte Griechenland in ein Desaster. Doch die Politik wischte vor zwölf Jahren alle Bedenken beiseite, der damalige EZB-Chef fand es geradezu "lächerlich", anzunehmen, Griechenland könne den Euro in Gefahr bringen. Dabei hatten sogar Griechen gewarnt.

Von Hans von der Hagen

Ein Plastikbeutelchen sollte den Deutschen den Abschied leichter machen. Außen ein vertrauter Vogel, innen frisches Geld: Der Bundesadler bewachte blinkende Euro-Münzen in allen Größen, zusammengerechnet 10,23 Euro. Sie mussten mit 20 Mark bezahlt werden und sollten rund zwei Wochen vor der offiziellen Einführung der Gemeinschaftswährung als Bargeld im Jahr 2002 die deutsche Scheu vor dem Euro brechen. Die Bürger waren ja nie gefragt worden, ob sie den Euro überhaupt haben wollten. Der Bundestag hatte das alles für sie erledigt.

Aber die Menschen hatten mitbekommen, dass es viele Zweifel gab: Ob das alles funktionieren könne. Ob das nicht problematisch sei, dass die Länder auf eine eigene Währung und damit auf das wichtigste Steuerungsmittel in der Wirtschaft überhaupt verzichteten. Und dann die Sache mit Griechenland. Mit Ach und Krach wurden die Hellenen in die Währungsunion aufgenommen, dabei gab es viele, die sagten: Wartet ab!

In der langen Krise nun ist es aufschlussreich, sich daran zu erinnern, was damals alles so gesagt wurde - meist von Ökonomen, seltener von Politikern. Ein Rückblick in die Jahre 1998 bis 2002.

"Einstieg in die Transfer-Union"

Einer der größten Kritiker war der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der die Attacke per se liebte, ganz besonders aber die auf Griechenland und die seinerzeit noch bevorstehende EU-Osterweiterung.

Deutlich wurden die Differenzen etwa im März 1998, als er sich mit dem damaligen EU-Währungskommissar Yves-Thibault de Silguy traf. Damals war Griechenland zum Europäischen Währungssystem beigetreten, in dem die EU-Länder eine gemeinsame Währung schon mal üben konnten. Während de Silguy den Beitritt Griechenlands begrüßte und "das griechische Stabilitätsprogramm und die Sparvorhaben der Regierung "mit großer Befriedigung" sah, mahnte Stober, es dürfe keinesfalls der Eindruck entstehen, dass der endgültige Entscheidungsprozess bis Anfang Mai nur Makulatur sei. Seine größte Sorge: Wenn die wirtschaftlich schwächeren Euro-Länder von der EU über die Finanzierung von Projekten gestützt würden, wäre das "der Einstieg in eine Transfer-Union".

In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung schrieb der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Hankel: "Mit EZB und Euro erhalten auch währungs- und strukturschwache Fußkranke ein niedrigeres, quasi deutsches Zinsniveau, denn das bisherige Abwertungsrisiko ihrer Währungen entfällt, siehe Spanien, Italien, Griechenland und morgen Polen oder die Türkei."

Das entlaste zwar die hochverschuldeten Staatsfinanzen dieser Länder, mindere aber deren Attraktivität für Kapitalbildung und Kapitaleinfuhr. Mit der ungerechtfertigten Zinssubvention schade sich ganz Euroland und schwäche seinen Euro; dieser übernehme das Abwertungsrisiko der schwachen Beitrittskandidaten. Hankel geißelte den Euro von Anfang an, im Mai 2010 klagte er zusammen mit Kollegen gegen den Milliardenkredit für Griechenland.

Im Jahr 2000 billigte die EU-Kommision Griechenlands Eintritt in die Währungsunion. Der Grund: Die Griechen schienen wirtschaftlich zu gesunden. In einem Interview mit der Börsen-Zeitung kommentierte der Finanzwissenschaftlicher Rolf Caesar von der Universität Hohenheim da so: "Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen in der Tat zu belegen, dass Griechenland entscheidende Fortschritte bei der Haushaltskonsolidierung und bei der Inflationsbekämpfung erzielt hat." Doch dies sei "zu einem beträchtlichen Teil auf kurzfristige Manipulationen zurückzuführen". Zugleich stelle der "zwar sinkende, aber nach wie vor sehr hohe Schuldenstand eine gewichtige Hypothek dar - vor allem bei steigenden Zinsen".

"Verheerendes Signal"

Gleichwohl betonte Caesar, dass nicht erst mit Griechenland ein Präzedenzfall für die laxe Interpretation der Kriterien für den Beitritt zur Währungsunion geschaffen worden sei: Vielmehr sei schon Italien 1999 eine nachträgliche Defiziterhöhung zugestanden worden. "Insofern bildet der griechische Fall lediglich ein - ökonomisch fragwürdiges, politisch aber möglicherweise vertretbares - Glied in einer Kette europapolitischer Entscheidungen, bei denen politischen Argumenten der Vorrang gegenüber ökonomischen Einwänden gegeben worden ist."

Der Chef der deutschen Industrielobbyisten, Hans-Olaf Henkel, nannte die frühe Aufnahme Griechenlands in die Währungsunion ein "verheerendes Signal". Und Manfred Neumann, Experte von der Universität Bonn, sagte, dass es nicht darum gehe, Griechenland grundsätzlich die Aufnahme zu verweigern, sondern den Hellenen "noch weitere zwei bis drei Jahre Zeit zu geben, wirtschaftliche Konvergenz zu beweisen". Er erinnerte daran, mit welchen Tricks die Griechen beispielsweise die Inflationsrate schönrechneten: Sie senkten einfach die Mehrwertsteuer - die Preise fielen. Die EU-Kommission habe mit ihrem Konvergenzbericht der Welt eine klares Signal dafür gegeben, dass sie die Konvergenz nicht ernst genug nehme. Die Empfehlung einer verfrühten Aufnahme Griechenlands sei deshalb "sehr negativ". Den Konvergenzbericht sollte die Euro-Tauglichkeit Griechenlands belegen, die von der Europäischen Zentralbank kritischer gesehen wurde als von der EU-Kommission.

Zu große Opfer nötig

Die Berliner Tageszeitung kam zum Schluss: EU-Finanzkommissar Pedro Solbes habe eine "glatte Zwei" vergeben, die EZB lediglich ein "ausreichend". "Geradezu euphorisch" habe die Mehrheit der Europaabgeordneten Griechenlands Anstrengungen bejubelt, die Stabilitätskriterien von Maastricht zu erfüllen: "Herzlich willkommen, Griechenland", habe die Vorsitzende des Wirtschafts- und Währungsausschusses, die deutsche SPD-Abgeordnete Christa Randzio-Plath, gejauchzt.

Dabei habe sogar der kommunistische griechische Abgeordnete Ioannis Theonas davor gewarnt, Griechenland übereilt in die Euro-Zone aufzunehmen: Die Sparbemühungen für den Beitritt hätten den Arbeitnehmern große Opfer abverlangt. Wenn die Europäische Zentralbank nun weitere Anstrengungen fordere, müsse den Menschen deutlich gesagt werden, was auf sie zukomme.

Der erste EZB-Chef Wim Duisenberg betrachtete die Causa Griechenland hingegen mit großer Gelassenheit: "Es ist lächerlich, anzunehmen, der Euro-Beitritt Griechenlands könne die Gemeinschaftswährung in Gefahr bringen", sagte er 2000. Griechenlands Volkswirtschaft sei, wie diejenige Irlands oder Portugals, viel zu klein, um die gesamteuropäische Ökonomie nachhaltig beeinflussen zu können.

Mittlerweile ist es anders gekommen. An dem von Griechenland ausgelösten Flächenbrand droht die Euro-Zone zu zerbrechen. Und manche Wissenschaftler haben bereits kühn vorgeschlagen, die griechischen Euronoten kurzerhand abzuwerten, so dass alle Geldscheine mit der Länderkennung Y zur Drachme würden.