Geldanlage Container Anleger der Investmentfirma P&R bangen um ihr Geld

Anleger wollten bei der Investmentfirma P&R am weltweiten Container-Geschäft verdienen.

(Foto: Axel Heimken/dpa)
  • Viele Kunden schlossen Verträge mit mehreren P&R-Gesellschaften ab und wurden dadurch auf dem Papier Eigentümer von Containern.
  • Nun ist unklar, ob das wirklich der Fall war. 54 000 Investoren könnten 3,5 Milliarden Euro verlieren.
Von Jan Willmroth und Markus Zydra, Frankfurt

Die ersten Anleger in Deutschland entdeckten das Containergeschäft in den 1970er-Jahren. Da gab es diese Finanzfirma P&R in Grünwald, der sie ihr Geld anvertrauten. Die Investmentgesellschaft kaufte Seefrachtboxen im Auftrag der Sparer, vermietete sie und kaufte sie nach wenigen Jahren zurück. Es war ein gutes, ein sicheres Geschäft, so schien es. Die Überweisungen an die Anleger kamen stets pünktlich, jahrzehntelang.

Der Erfolg sprach sich herum. Familiengenerationen hielten der Firma die Treue. Der Vater investierte, der Sohn, dann der Enkel. Die Hälfte der P&R-Anleger ist heute über 60 Jahre alt, mehr als ein Drittel über 70 Jahre. Die meisten Kunden schlossen Verträge mit mehreren P&R-Gesellschaften ab und wurden dadurch Eigentümer der Container. Zumindest glaubten das die 54 000 Investoren, die jetzt 3,5 Milliarden Euro verlieren könnten.

Anfang März musste P&R Insolvenz anmelden. Plötzlich merkten mehr als 90 Prozent der Anleger, dass sie gar keinen Eigentumsnachweis für ihre Container besaßen. Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé sagte bereits, das Eigentum an den Containern und die ihnen zustehenden Mieteinnahmen könnten einzelnen Anlegern nicht konkret zugeordnet werden. Nun deutet sogar vieles darauf hin, dass es zumindest einen Teil der vermeintlich 1,2 Millionen Container im Bestand von P&R überhaupt nicht gibt.

In seinem vor Kurzem veröffentlichten Zwischenbericht macht Jaffé deutlich, dass P&R vor allem in den Jahren 2016 und 2017 Container verkauft hat, um weiter Mieten zahlen und Rückkäufe tätigen zu können. Weil P&R für den Rückkauf der Container mehr Geld an Anleger bezahlte als zwischenzeitlich am Markt zu erzielen war, entstand eine Unterdeckung. Daraus ergibt sich für den renommierten Finanzanalysten Stefan Loipfinger die Frage, ob überhaupt noch alle Container vorhanden sind. Der Grund: Um einem Investoren zum versprochenen Preis einen Container abzukaufen, mussten zur damaligen Zeit rechnerisch etwa zwei Container verkauft werden. Loipfinger geht davon aus, dass viele Container gar nicht mehr da seien. Das ergebe sich aus den Bilanzen von P&R, die der frühere Banker analysiert hat.

Konkret geht es um folgende Ungereimtheiten: Anleger haben in den Jahren 2015 und 2016 viel Geld in neue Container bei P&R investiert, nicht zuletzt, weil die Boxen in China extrem günstig zu haben waren. Die Umsatzerlöse hätten sich gegenüber dem Vorjahr um 60 Prozent auf 610,7 Millionen Euro erhöht, heißt es im Jahresabschluss 2015 der P&R Container Vertriebs- und Verwaltungs GmbH. Rund zwei Drittel dieses Umsatzes war Geld der Anleger - und hätte in den Kauf von Containern investiert werden müssen, über die im schweizerischen Zug ansässige P&R Equipment & Finance. Sie ist dafür zuständig, Container einzukaufen und diese an international tätige Leasinggesellschaften zu vermieten. Der Blick in die Schweizer Bilanz zeigt allerdings, dass in den fraglichen Jahren nicht mehr, sondern weniger Container bestellt wurden: Das Volumen fiel um 31 Prozent auf 146 Millionen Euro.

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Das wirft die Frage auf, ob überhaupt so viele Neucontainer zur Verfügung standen, wie an Investoren verkauft wurden. Ein Vergleich der auf investmentcheck.de veröffentlichten Zahlen legt den Schluss nahe, dass 2015 mehr als 100 000 neue Standardcontainer an Investoren verkauft wurden, die rechnerisch nicht da sein können. Für 2016 ergibt sich ein ähnlicher Verdacht, da der Einkauf von Containern in der Schweiz um 56 Prozent auf nur noch 64,5 Millionen Euro gedrosselt wurde. Zur gleichen Zeit aber verkaufte P&R in Deutschland Container an Investoren im Wert von 740 Millionen Euro, wovon ein erheblicher Teil Neuware sein sollte.

Sind einige Anleger also leer ausgegangen und besitzen keine Container? Oder waren die als neu verkauften Container in Wahrheit gebrauchte Boxen? P&R-Gründer Heinz Roth lässt dazu über seinen Anwalt mitteilen, diese Fragen seien Gegenstand der Bestandsaufnahme durch PwC und die vorläufigen Insolvenzverwalter.

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In Branchenkreisen wunderte man sich schon länger. "P&R hat in den vergangenen Jahren relativ wenig Neutonnage bestellt. Das haben wir immer wieder gesehen und auch von den Herstellern gespiegelt bekommen", sagt ein Branchenexperte unter der Bedingung, nicht namentlich genannt zu werden. Die Vermutung, etliche Container könnten gar nicht existieren, hält er für plausibel.

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit, denn P&R hat auch über eine Briefkastenfirma in der Karibik Container gekauft. Die Paradise Papers belegen, wie P&R Ende 2015 über die Kanzlei Appleby eine Zweckgesellschaft auf Bermuda namens MC Holdings Ltd. einrichten ließ.

Dazu teilt Roths Anwalt mit, diese Firma sei eigens zum Erwerb eines größeren Containerportfolios gegründet worden. Über MC Holdings habe man Container im Wert von etwa 100 Millionen US-Dollar gekauft und dies zu drei Vierteln über eine Bank finanziert. "Die vorbeschriebene Finanzierung ist im weltweiten Frachtcontainergeschäft absolut üblich", heißt es, man habe ausschließlich freies Eigenkapital von P&R Zug eingesetzt. Ob diese Container später deutschen Investoren zum Erwerb hätten angeboten werden sollen, sei zum Erwerbszeitpunkt noch nicht entschieden gewesen, so der Anwalt. So taucht MC Holdings in den Büchern von P&R/Zug zwar als hundertprozentige Tochter auf, nicht aber deren Container-Investment.

Der Insolvenzverwalter möchte alle Container in die Insolvenzmasse stecken. Weil es neben den Anlegern nur sehr wenige Gläubiger gibt, könnten die Ansprüche teilweise befriedigt werden, wobei Anleger womöglich viele Jahre auf ihr Geld warten müssen. Im Jahr 2016 gab es mit der Pleite der Container-Firma Magellan einen vergleichbaren Fall. Die Container wurden damals nicht Teil der Insolvenzmasse. "Dadurch konnten die Container direkt verkauft werden und den Anlegern flossen so schon 100 Millionen Euro zu", sagt der Fachanwalt Peter Mattil, der sich dafür eingesetzt hatte, dass die Container Eigentum der Investoren blieben.

Im Fall P&R ist die Eigentumsfrage weitaus schwieriger. Es droht ein Rechtsstreit über die Frage, wem welche Container gehören: Den vier insolventen Gesellschaften in Grünwald, der noch aktiven P&R-Tochter im Schweizerischen Zug - oder den Anlegern. Die Eigentümerschaft ist auch steuerlich relevant: Anleger konnten die Kosten für die allmähliche Abnutzung der Container beim Finanzamt absetzen. "Wenn die Anleger doch nicht Eigentümer sind, dann müssen sie für die vergangenen zehn Jahre eine neue Steuererklärung abgeben, womöglich mit Nachzahlungen", fürchtet Mattil.

Doch selbst wenn das Eigentum zugunsten der Anleger geklärt wäre, ergäben sich neue Fragen. So sorgt ein Passus in den P&R-Investmentprospekten für Unruhe, nach dem Anleger mehr verlieren könnten als ihr zum Kauf der Container eingesetztes Kapital, und zwar bis hin zur Privatinsolvenz. "In diesem Passus geht es um Kosten, die im Zusammenhang mit dem Container anfallen, den der Anleger besitzt", erklärt der Münchner Anwalt Mattil. Es handele sich da um Standgebühren für den Container im Hafen und Versicherungspolicen. Diese Verträge seien von der Firma P&R unterzeichnet worden - und nicht von Anlegern. "Ich denke daher, dass diese Haftungsklausel sehr theoretisch ist", beruhigt Anwalt Mattil. Die Frage, ob es die Container tatsächlich gibt, erscheint dagegen sehr real.

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