Gebühren fürs Konto Banken beenden die Gratis-Kultur

Die meisten der mehr als fünf Millionen Privatkunden der Postbank müssen nun erstmals direkt für ihr Girokonto bezahlen.

(Foto: imago/Eibner)
  • Derzeit erhöhen viele Sparkassen und Banken die Preise.
  • Die Postbank war das einzige größere Geldhaus, das wieder Gebühren einführte, nachdem die Konten zuvor für fast alle Kunden noch gratis waren.
Von Meike Schreiber, Frankfurt

Für die Postbank war es ein gewagtes Experiment: Nach 20 Jahren Gratiskultur hatte das Bonner Geldhaus im vergangenen November Kontoführungsgebühren eingeführt. Die meisten der mehr als fünf Millionen Privatkunden müssen nun erstmals direkt für ihr Girokonto bezahlen: Die Rechnung reicht von 1,90 Euro monatlich für ein reines Online-Konto bis 9,90 Euro für ein Konto mit allerlei Zusatznutzen.

Zwar erhöhen derzeit viele Sparkassen und Banken die Preise. Sie begründen dies mit der Nullzinspolitik der Zentralbank, die ihnen das Geldverdienen erschwere. Die Postbank aber war das einzige größeres Geldhaus, das wieder Gebühren einführte, nachdem die Konten zuvor für fast alle Kunden noch gratis waren. Die Sache war akribisch geplant: Wochen zuvor wurden die Mitarbeiter eingeweiht, dann erhielten die Kunden Briefe mit genauen Erklärungen. Die Sorge der Bankmanager: bloß keine Massenkündigung auslösen.

Dieses Szenario scheint vorerst abgewendet. Die zuständige Postbank-Vorstandsfrau Susanne Klöß jedenfalls ist zufrieden mit den bisherigen Erfahrungen. "Es gab weniger Kündigungen als erwartet", sagt sie. Die neuen Preise seien breit akzeptiert worden, die Kunden hätten demnach Verständnis für die Maßnahme gehabt.

Allerdings bei weitem nicht alle: Insgesamt kündigten Klöß zufolge knapp 4,5 Prozent der Kunden, in absoluten Zahlen also immerhin etwa 230 000. Zugleich habe man zwar 130 000 und damit mehr neue Kunden anziehen können als zu normalen Zeiten, ohne dass die Bank Wechselprämien ausgelobt oder Marketing für das neue Kontomodell gemacht habe. Unter dem Strich aber war der Effekt negativ. Zu welchen Banken die Kunden mehrheitlich gewechselt seien, könne man nicht sagen.

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Früher konnten Banken allein damit Profit machen, dass sie die Guthaben anlegten

Von der Entscheidung der Postbank, Gebühren einzuführen, haben aber natürlich andere profitiert - die Direktbanken. Schließlich werben Institute wie ING-Diba, Comdirect oder die DKB weiterhin mit so gut wie kostenlosen Girokonten. "Zu uns kamen zuletzt sehr viele Kunden der Postbank", sagte ING-Diba-Chef Roland Boekhout Mitte Februar, um dann noch eins oben draufzusetzen: Sein Haus profitiere davon, dass sich "andere Banken weniger beliebt bei Kunden gemacht" hätten.

Postbank-Vorständin Klöß ficht das nicht an. Ein Großteil der Kunden, welche die Bank verloren habe, hätten ihr Konto nicht aktiv genutzt, sagt sie. Darunter seien auch Schnäppchenjäger gewesen, die nur wegen hoher Prämien zur Bank gekommen seien. Noch 2015 hatte die Postbank neue Kunden mit 250 Euro Prämie gelockt.

Doch warum wollen viele Banken Kunden mit einem Mal regelrecht loswerden, nur weil die ihr Konto nicht mindestens als Gehaltskonto nutzen? Das liegt an den Nullzinsen: Früher konnten die Geldhäuser mit dem Girokonto schon alleine deshalb gut Geld verdienen, weil sie das Kundenguthaben verzinst anlegten. Das ist seit Beginn der Nullzins-Ära vorbei. Schlimmer noch: Wenn eine Bank über sehr viele überschüssige Spareinlagen verfügt, wie die Postbank, kostet es sie sogar Geld, diese sicher bei der Zentralbank zu parken. Allein mit dem Girokonto lässt sich daher heute nur noch Geld verdienen, wenn der Kunde auch Wertpapiere kauft oder eine Immobilie finanzieren will.

So ärgerlich es für Kunden ist: Einnahmen aus Gebühren machen ein Institut stabiler

Viele Banken wollen diese Kosten daher auf die Kunden abwälzen. Wer wie die Postbank mehrere Millionen Kunden hat, verfügt dabei über einen großen Hebel, zumindest solange nicht zu viele lukrative, also "aktive" Kunden gehen. Gelingt es der Postbank, durchschnittlich nur 20 Euro pro Jahr und Kunde mehr einzunehmen, wäre das ein zusätzlicher Ertrag von etwa 100 Millionen Euro - bei kaum zusätzlichen Kosten. Gebühreneinnahmen - im Fachjargon ist die Rede vom Provisionsertrag - gelten daher als die besseren Bankerträge. So ärgerlich sie für die Kunden sind: Sie machen die Geldhäuser unabhängiger vom Zinsgeschäft und damit stabiler. Selbst die Finanzaufseher fordern die Institute immer wieder auf, für ihre Dienstleistungen mehr zu berechnen.

Wie groß der Zusatzertrag bei der Postbank ausfällt, sagt Klöß zwar nicht, die neuen Gebühren würden der Bank 2017 "aber auf jeden Fall ein Ertragsplus bringen". Das wird auch die Eigentümerin Deutsche Bank freuen, die das Tochterunternehmen seit fast zwei Jahren verkaufen will.

Mehr als 70 Prozent der Kunden hätten sich für das mittlere von drei Kontomodellen entschieden, für das sie 3,90 Euro zahlen müssen. Die anderen Kunden verteilten sich auf das günstige und das teurere Konto, wobei Auszubildende das günstige Online-Konto weiterhin gebührenfrei nutzen können - hier musste die Postbank nachbessern, weil sie sonst zu viele Studenten abgeschreckt hätte. Auch Gutverdiener will die Bank halten: Sie müssen für das teure Konto nichts zahlen, weil sich die Bank von ihnen Zusatzerträge etwa durch Wertpapierkäufe erhofft. Die Postbank werde nun keine großen Kündigungswellen mehr sehen, ist Klöß überzeugt. Die überwiegende Mehrheit der Kunden habe die Grundsatzentscheidung gefällt, zu bleiben, hofft sie.

Instituten wie der Postbank hilft die Gewohnheit ihrer Kunden: Während sie beim Tagesgeld oder der Baufinanzierung die Konditionen vergleichen, hält die Mehrheit der Deutschen beim Girokonto der Hausbank die Treue. Trotz neuer Kontowechsel-Apps haben drei Viertel aller Bundesbürger ihr Girokonto bei der Bank, wo sie es immer schon hatten, zeigte unlängst eine Studie des Digitalverbands Bitkom. Das aber kann sich ändern: Immer mehr Bankkunden würden sensibel auf Preiserhöhungen reagieren, glaubt zum Beispiel Bankenexperte Jochen Schmitt von der Privatbank Metzler. Seiner Meinung nach werden die Direktbanken daher ihre Marktanteile weiter steigern können - zu Lasten von Postbank und Sparkassen. Vorstandsfrau Klöß gibt sich entspannt: "Wir wollen wachsen, aber nicht um jeden Preis."

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