Gauck-Rede beim SZ-Führungstreffen "Maßlosigkeit hat in diese Krise geführt"

Der Bundespräsident wirbt für einen verantwortungsvollen Kapitalismus. Nur aus Angst dürfe man der Wirtschaft nicht die Freiheit nehmen - doch gerade im Finanzsektor sieht Joachim Gauck weiterhin Bedarf für Veränderungen. Dafür braucht es aus seiner Sicht aber nicht nur neue Regeln. Die Menschen müssten ihre Haltung überdenken.

Die Rede im Wortlaut.

Bundespräsident zur Verantwortung der Wirtschaft Gaucks Wutrede

Verantwortung und Freiheit, für Joachim Gauck gehört das untrennbar zusammen. In Berlin nutzt der Bundespräsident die Gelegenheit, der versammelten Wirtschaftselite den Kopf zu waschen. Unter ihnen hätten Einige vergessen, was einen anständigen Kaufmann ausmache.

(Video: Süddeutsche.de, Foto: dpa)

Wir dokumentieren hier die Rede von Bundespräsident Gauck beim Führungstreffen Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung in Berlin. Es handelt sich um das vorab veröffentlichte Redemanuskript, von dem Gauck während seines Auftritts punktuell abgewichen ist (hier eine Zusammenfassung im Video).

Zuerst danke ich Ihnen, sehr geehrter Herr Kister, unserem Gastgeber! In der Ankündigung zu diesem Kongress stand das Wort "Krise", genauer: "Finanz- und Schuldenkrise", und gleich danach der freundliche Satz: "Er" - damit war ich gemeint - "kann Orientierung geben." Danke für diesen Vertrauensvorschuss! Das nennt man wohl einen Kredit für klare Worte.

Ich will gern versuchen ihn einzulösen im Rahmen der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen, die man im Amt des Bundespräsidenten hat. Dieses Amt macht mich nicht zum Ökonomen, nicht zum Parlamentarier und schon gar nicht zum Propheten. Aber es schenkt mir Unabhängigkeit und Momente wie diese, in denen ich laut Programmbeschreibung zugleich als Deutscher, Europäer und Weltbürger sprechen darf.

"Das neue Europa in einer neuen Weltwirtschaft": Dieser Titel würde für mindestens zwei Vorträge reichen. Unserem Miteinander in Europa werde ich an anderer Stelle gern eine eigene Rede widmen. Die Weltwirtschaft - Stichwort "Schwellenländer" - ändert sich derzeit in einem Tempo, dass die Wortbeiträge auf Kongressen schon beim gemeinsamen Abendessen überholt sind. Umso mehr lohnt es sich, nach den hinter der Krise und hinter unserer Sehnsucht nach Erneuerung liegenden Motiven zu suchen.

Das soll heute mein Thema sein: Wie gelingt es uns überzeugend, Freiheit und Verantwortung zu verbinden? Dabei geht es mir nicht nur um die Frage, wie wir unser Tun moralisch beurteilen und moralisch verbessern wollen, sondern auch darum, wie wir Fakten schaffen für Wettbewerbsfähigkeit und Standortstärke. Es gibt eine ökonomische Ratio von Freiheit und Verantwortung!

Das Jahr 2008 steht für einen Schock, der bis heute nachwirkt. Die Finanzbranche gehört seither zu den meistgescholtenen Berufsgruppen. Allerdings: Mancher Bankkaufmann fühlt sich genauso getäuscht und betrogen wie der Sparer oder Investor, dessen Traum von einem 25-prozentigen Gewinn durch einen 100-prozentigen Verlust hinweggefegt wurde. Auch einige Führende erwiesen sich damals als Verführte oder gar Verführer: Mit ihrem Gewinnstreben und ihrer Gier - nicht nur im Finanzsektor. Mit ihren Wohlstandsversprechen und überbordenen Wachstumsfantasien - nicht nur in der Politik. Mit ihrer Gutgläubigkeit und ihren überzogenen Erwartungen - nicht nur auf Kundenseite.

Maßlosigkeit hat in diese Krise geführt. Nicht alles, was legal war, empfinden wir heute noch als legitim. Wir sehen: Überall dort, wo das vernünftige Maß nicht mehr Maßstab war, wo Freiräume überdehnt und missbraucht wurden - im Kreditwesen, bei Schattenbanken, im Immobiliensektor, aber auch bei öffentlichen Haushalten wie bei privater Verschuldung - überall dort hat die Krise nach uns und um sich gegriffen. Aus Verantwortungskrisen wurden Wirtschaftskrisen und Staatsschuldenkrisen, weil Ansprüche und Anstrengungen einander nicht mehr entsprachen.

Wer die aktuellen Beschäftigungszahlen und das Wachstum in Deutschland betrachtet, könnte meinen, die Schieflage sei überwunden. Zugleich spüren wir an jeder Ecke, dass unsere innere Verfasstheit nach wie vor in Unordnung ist. Es gibt ein Unbehagen, das Experten und Laien teilen, ohne es im Detail ausbuchstabieren zu können. Wir lesen alle paar Tage von der Nervosität der Märkte. Wir hören, dass die Nachbarin zum Autohändler sagt: "Ehe das Geld weg ist, mache ich meinem Enkel lieber eine Freude." Sie sagt das ruhig und pragmatisch, fern der Panik. Aber Sätze wie diese zeigen, dass sich - so gut es uns geht - im Denken etwas verändert hat. Der Glaube an ein "Weiter so" ist erschüttert.

Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten. Erstens: die Regeln, also den äußeren Rahmen des Handelns, korrigieren. Das ist gut und ist richtig. Rahmen und Regeln sind unverzichtbar. Darauf komme ich zurück. Genauso dringend ist in meinen Augen Option zwei: die Überprüfung unserer inneren Überzeugungen, unserer Motive und Haltungen. Dieser Prozess scheint ins Stocken geraten zu sein.

Bundespräsident Joachim Gauck mit dem französischen Premierminister Jean-Marc Ayrault auf dem Führungstreffen Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung in Berlin.

(Foto: dpa)