Frickes Welt Warum Deutschlands Wohlstand gefährdet ist

Lage der deutschen Wirtschaft: Szene aus einer Firma in Brandenburg (Archiv)

(Foto: dpa)
  • Trotz guter Wirtschaftsdaten sorgen sich viele Deutsche in Umfragen um die Zukunft des Landes.
  • Eine Erklärung: Die Menschen spüren, wie fragil die Wirtschaft ist, immerhin hängt Deutschland zunehmend an der Konjunktur anderer Länder.
Von Thomas Fricke

Deutschland zum Start 2016. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit 24 Jahren nicht, die Inflation liegt bei null, der Staat baut erstmals seit Jahrzehnten Schulden ab, und die Wirtschaft meldet so viele offene Stellen wie seit Ewigkeiten nicht. Es gibt große Denker, die ihr halbes Leben gegrübelt haben, wie man so etwas ökonomisch hinbekommt. Und was machen wir? Melden Sorgen an. Der Deutschen Zuversicht liegt zum Jahreswechsel etwa da, wo sie mitten in der Finanzkrise Ende 2008 lag, berichtet Allensbach.

Nun liegt die Vermutung nahe, dass dahinter das Flüchtlingsdrama steckt. Seit sich die Krise zugespitzt und Angela Merkel "wir schaffen das" gesagt hat, rechnet eine Mehrheit der Deutschen wieder mit steigender Arbeitslosigkeit (Grafik) - obwohl die Betriebe beschleunigten Personalaufbau melden. Nur: die Deutschen haben nach derselben Umfrage in den vergangenen Jahren immer wieder mehrheitlich höhere Arbeitslosigkeit erwartet, selbst dann also, als letztere fiel (und es noch keine Flüchtlingsströme gab). Das muss psychologisch tiefer liegen.

Eine bessere Erklärung für die datenwidrig gedämpfte Stimmung könnte darin liegen, dass die Menschen spüren, wie wackelig so ein Wirtschaftswunder ist, wenn es um uns herum so viel kriselt - ob bei Griechen oder Chinesen. Als die Euro-Krise wie Mitte 2011 und 2012 eskalierte, schoss auch die Angst vor Arbeitslosigkeit hoch. Kehrseite des Erfolgs: Die deutsche Wirtschaft ist mittlerweile so exportabhängig, dass es zur Konjunkturflaute reicht, wenn in Schanghai ein Sack Börsenkurse umkippt. Oder in Brasilien, Frankreich, Griechenland und den USA die Umsätze ausbleiben. Irgendwo ist immer was. Umso schwerer könnte heute etwas anderes noch auf's Gemüt der Deutschen drücken: wie sehr sich nach Agenda 2010 und anderem die Umstände am Arbeitsmarkt hierzulande geändert haben. Nicht weil im Aufschwung angeblich nur unsichere Billigjobs entstanden sind. Quatsch. Es gibt heute fast drei Millionen mehr vollwertig sozialversicherungspflichtige Stellen. Und es gibt weniger Minijobs als vor zehn Jahren, nicht mehr.

Die Tücke liegt darin, dass die Absturzgefahr jenseits aller Konjunkturschwankungen höher zu sein scheint als früher. Wer einmal arbeitslos werde, sei in Deutschland heute stärker als in anderen Ländern gefährdet, das zu bleiben, stellen die Experten vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fest. Und seit den Hartz-Reformen gilt anders als früher, dass nach zwölf Monaten eben auch der Lebensstandard dahin ist. Jeder Dritte bleibt auf Dauer arbeitslos - trotz Reformen. Selbst Veränderungswilligen gelinge es "eher selten", aus schlechteren Jobs aufzusteigen, so die IAB-Forscher.

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Nach dem Willen der Agenda-Reformer sollte steigende Existenzangst den Druck auf vermeintlich arbeitsscheue Arbeitslose erhöhen. Was gemessen an der Langzeitarbeitslosigkeit nur mäßig gewirkt hat. Die Kehrseite ist womöglich: ein Aufschwung ohne Zuversicht.

In den USA gilt seit dem New Deal der 30er-Jahre, dass zwar jeder Einzelne für sich zu sorgen hat und es wenig gesetzlichen Schutz vor Jobverlust gibt, Regierung und Notenbank dafür aber alles daran setzen, die Wirtschaft so anzukurbeln, dass jeder auch einen Job finden kann - und sei es, wie in der jüngsten Krise, über höhere Schulden und Geldzufuhr. Die Deutschen müssen heute mehr Risiko tragen - in einer Wirtschaft, die zappelnd an der guten oder schlechten Konjunktur im Rest der Welt hängt. Kein guter Mix. Und kein Wunder, dass die große Begeisterung ausbleibt.

Im Wirtschaftsteil der SZ schreiben jeden Freitag Nikolaus Piper und Thomas Fricke (neuewirtschaftswunder.de) im Wechsel.

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