Freihandelszone zwischen USA und Europa Gewagtes Projekt, gewaltiges Potenzial

Das Vorhaben ist äußerst ehrgeizig: EU und USA sollen zu einem großen Wirtschaftsblock zusammenwachsen. US-Präsident Obama forciert in seiner Rede zur Lage der Nation eine Freihandelszone. Wird sie Wirklichkeit, könnte sie Wachstum bringen - und gerade für die Europäer von unschätzbarem Vorteil sein.

Ein Kommentar von Nikolaus Piper, New York

Die Politik hat ein neues, großes Projekt: EU und USA sollen zu einem großen Wirtschaftsblock zusammenwachsen. Die Transatlantische Freihandelszone, bisher nur ein esoterisches Thema für Experten und Industrieverbände, ist innerhalb kurzer Zeit zu einem konkreten Vorhaben geworden. In seiner Rede zur Lage der Nation kündigte Präsident Barack Obama Verhandlungen über eine "umfassende transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft" an. Zuvor hatte schon eine europäisch-amerikanische Kommission eine ausführliche Liste von Verhandlungszielen formuliert. Die Gespräche sollen bald beginnen.

Das Projekt ist äußerst ehrgeizig. Manche Transatlantiker sprechen bereits von einer "Wirtschafts-Nato". Der Begriff ist auch nicht ganz abwegig. Die militärische Nato wurde einst zum Schutz gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion gegründet. Die Idee zu einer neuen ökonomischen Allianz hat auch deshalb so viele Anhänger gefunden, weil die alten Industrieländer fürchten, gegenüber der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China ins Hintertreffen zu geraten.

Test für europäischen Zusammenhalt

Dass jetzt überhaupt verhandelt wird, ist ein Erfolg für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie verfolgt das Projekt seit Jahren, trotz des anfänglichen Desinteresses in Washington. Auch das Wirtschaftsteam Obamas hatte lange gezögert - weil seine Berater das Vorhaben für zu komplex hielten.

Tatsächlich ist die Wirtschafts-Nato ein großes Wagnis. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten sind bereits heute wirtschaftlich eng verflochten. Beide erwirtschaften zusammen die Hälfte des Weltsozialprodukts, die gegenseitigen Zölle sind gering, 15 Millionen Arbeitsplätze hängen vom transatlantischen Handel ab. Trotzdem könnte es 1,5 Prozent Wachstum bringen, wenn die verbliebenen Wirtschaftsschranken fallen würden.

Nur, diese Schranken abzubauen, wird Proteste unterschiedlichster Interessengruppen auslösen und entsprechend viel politisches Kapital erfordern. Auch der Zusammenhalt der Europäer wird getestet werden. In London und Berlin reagiert die politische Klasse instinktiv freihändlerisch, in Paris protektionistisch.