Frauen in der Finanzbranche "Viele Bewerberinnen sind zu perfektionistisch"

Erfolgreiche Frauen der Finanzbranche erklären, warum die richtige Einstellung zum Job wichtiger ist als Karriereplanung und warum sich Bewerberinnen mehr trauen müssen.

Von Vivien Timmler

So ein Lebenslauf vermag viel über den Mensch dahinter zu verraten. Er erlaubt nicht nur Rückschlüsse über Ausbildung oder beruflichen Werdegang, sondern gibt zwischen den Zeilen häufig auch etwas über die Zielstrebigkeit des Menschen preis, über seine Irrungen und womöglich über seinen ausgefeilten Karriereplan.

Auch der Lebenslauf von Christine Bortenlänger suggeriert einen solchen: Banklehre, BWL-Studium, schon mit 31 stellvertretende Geschäftsführerin der Münchner Börse, heute Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts. Dass sie viel lieber Ärztin oder Landwirtin geworden wäre, steht nirgendwo geschrieben.

Bei Miriam Wohlfarth ist es umgekehrt: Am Anfang standen zwei abgebrochene Studiengänge, eine Lehre zur Verkehrskauffrau und eine Weltreise. Viel später, mit 39 Jahren, gründete sie das Finanz-Start-up RatePay, das Ratenzahlungen für Multichannel-Händler anbietet, und ist damit das einzige weibliche Gründungsmitglied eines reinen Finanz-Start-ups in Deutschland. Und Katharina Herrmann, Mitglied des Vorstands bei ING-Diba, gibt zu: "Karriere machen oder Führungskraft werden, das war nie mein Plan."

Irgendetwas müssen diese drei Frauen anders gemacht haben

Dabei ist es in kaum einer anderen Branche wie dem Finanzsektor für Frauen so schwierig, in eine Führungsposition aufzusteigen. In Bankvorständen stieg der Frauenanteil im vergangenen Jahr nur um einen Prozentpunkt auf acht Prozent, bei den Versicherungen auf gut neun Prozent, wie aus Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zum Managerinnen-Barometer 2016 hervorgeht. Auch in Aufsichtsräten sind Frauen demnach mit 21 beziehungsweise 19 Prozent weiterhin unterrepräsentiert. Und das, obwohl im Finanzsektor die Mehrheit der Beschäftigten weiblich ist.

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Irgendetwas müssen diese drei Frauen also anders gemacht haben als viele ihrer Kolleginnen. Der lange gehegte Wunsch, nach der Familie auch im Beruf früh Verantwortung zu übernehmen, habe dabei für sie eine große Rolle gespielt, so Bortenlänger, die schon mit 21 Jahren Mutter wurde. Eine stringente Karriereplanung hingegen weniger - die besten Chancen ergäben sich sowieso "auf dem Weg", häufig, wenn man am wenigsten damit rechne. Entscheidend für das Aufsteigen in eine Führungsposition sei vielmehr eine vordergründig triviale Eigenschaft, von der als Führungsposition aber viel abhänge: Die echte Begeisterung für ein Thema und die Fähigkeit, Andere damit anzustecken.

Das glaubt auch Katharina Herrmann: "Mit Disziplin und der richtigen Einstellung kann man jeden Job gut machen. Aber um richtig gut zu werden, braucht es Leidenschaft." Deshalb rate sie jungen Bewerberinnen immer, schon früh verschiedene Dinge auszuprobieren und sich auf die Suche nach genau dieser Leidenschaft zu machen. Erst wenn man diese gefunden habe, sei man in der Lage, die eigenen Ziele zu artikulieren.

Auch starre Rollenbilder stehen Frauen häufig im Weg

Viele junge Frauen hätten nämlich genau das in Bewerbungssituationen extrem nötig. "Männer artikulieren viel offensiver als Frauen, dass sie Karriere machen wollen", so Herrmann. Wohlfarth nennt es die "Ich-bin-so-toll-Einstellung": "Wenn ein Bewerber klipp und klar sagt, was er kann und was er will, kommt das häufig gut an", sagt sie. "Leider tun das aus eigener Erfahrung insbesondere männliche Bewerber." Sie findet deshalb, Frauen müssten lernen, sich besser zu vermarkten. "Viele Bewerberinnen sind zu perfektionistisch. Ganz zu Anfang eines Gespräches geben sie regelrecht zu, was sie alles nicht können. Das ist ein Fehler, es sollte vielmehr genau umgekehrt sein."

Auch starre Rollenbilder, nach denen eine Frau in der Finanzbranche mit Zahlen nur so jonglieren und in der Internetbranche blind Programmieren beherrschen müsse, stünden Frauen häufig im Weg. "Es geht schließlich gar nicht darum, dass einer alles kann", so Wohlfarth, die sich selbst als Programmierer-Null bezeichnet. "Dass die Internetbranche nichts für Frauen sei, ist ein Irrtum auf ganzer Länge. Ich hoffe wirklich sehr, dass sich das Branchenbild in dieser Hinsicht ändern wird."

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Wenn Frauen sich durchsetzen, wirken sie häufig unweiblich oder "bossy"

Gleichzeitig müsse sich dann auch das Bild des Prototypen einer Führungskraft verändern, findet Katharina Herrmann. Dem noch immer gängigen Bild nach müsse eine Führungskraft taff sein, Durchsetzungskraft haben und auch mal auf den Tisch hauen können. Wenn eine Frau das jedoch täte, wirke sie häufig unweiblich oder "bossy" - einem Mann hingegen hätte man womöglich das Attribut "tolle Führungskraft" entgegengebracht.

Trotzdem sind sich Bortenlänger, Herrmann und Wohlfarth darüber einig, dass die Mehranstrengungen, die weibliche potenzielle Führungskräfte in der Finanzbranche aufgrund ihrer Prädispositionen haben, keineswegs zur Ausrede werden dürfen. Der Satz "verändere nicht die Frau, sondern löse das Problem", sei zwar richtig - am Ende komme es aber genauso auf die Einstellung der weiblichen Führungskraft zu sich selbst an. "Wir Frauen möchten nicht als Frauen, sondern als Teil der Branche wahrgenommen werden", betont Miriam Wohlfarth. "Und sobald man das verinnerlicht hat, fällt es gar nicht mehr auf, dass man fast immer unter Männern ist", ergänzt sie.

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