Folgen der Leitzinssenkung Sparer werden enteignet, Aktionäre reich

Der niedrige Leitzins soll verhindern, dass die Wirtschaft weiter abstürzt. Doch das Zinstief hat Nebeneffekte. Ob diese positiv, negativ oder gar gefährlich sind, kommt ganz auf die Perspektive an.

Von Harald Freiberger und Herbert Fromme

Niedrige Zinsen sollen verhindern, dass die Wirtschaft noch weiter abstürzt. So weit, so gut. Doch das Zinstief, das seit fast fünf Jahren andauert, hat Nebeneffekte. Manche sind positiv, manche negativ, manche auch gefährlich. Es kommt auf die Perspektive an. Das bedeuten die niedrigen Zinsen für . . .

Sparer

Wer sein Erspartes konventionell bei der Bank anlegt, dem rinnt das Geld seit Jahren durch die Finger: Die Inflation ist höher als das, was die meisten Institute an Zinsen bieten. "Schon seit einiger Zeit erleiden Sparer mit kurzfristigem, sicher angelegtem Geld einen realen Wertverlust", sagt Horst Biallo vom Internet-Vergleichsportal www.biallo.de. Er erstellt Indizes aus den Angeboten von mehr als 100 Instituten. Danach zahlten sie vor zwei Jahren im Durchschnitt noch 1,4 Prozent für Tagesgeld, derzeit sind es 0,61 Prozent. Für zwölfmonatiges Festgeld gibt es 0,60 Prozent. Beides liegt deutlich unter der deutschen Inflationsrate, zuletzt 1,20 Prozent.

Die Spitzenangebote für Tagesgeld erreichen derzeit zwar 1,50 Prozent, für Festgeld 1,67 Prozent - doch dafür muss der Sparer die ständig wechselnden Angebote verfolgen. Für das Sparbuch zahlen viele Banken nur noch Zinsen im mikroskopischen Bereich, 0,05 Prozent sind keine Seltenheit - und nun hat die Zentralbank die Zinsen weiter gesenkt. Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon warnt: "Niedrigzinsen führen zu dauerhaften Verlusten der Sparer, die quasi einer Enteignung gleichkommen." Die Folge: erhebliche Lücken in der Altersvorsorge, und das bei einer dramatisch alternden Gesellschaft.

Lebensversicherungen

Auch für die Kunden der deutschen Lebensversicherer wirken sich die niedrigen Zinsen negativ aus: Sie erhalten eine geringere Überschussbeteiligung. Diese beträgt im Durchschnitt aller deutschen Lebensversicherer 2013 genau 3,61 Prozent, hat die Rating-Agentur Assekurata ausgerechnet. Im Vorjahr lag sie noch bei 3,91 Prozent. Die Spanne ist breit: Zurich Deutscher Herold schreibt nur 3,0 Prozent gut, die Targo Versicherung 4,3 Prozent. Allerdings werden diese Zinssätze nicht auf die gesamten vom Kunden eingezahlten Beiträge gutgeschrieben, sondern nur auf den Sparanteil. Er beträgt je nach Gesellschaft zwischen 82 und 97 Prozent. Der Rest geht für Kosten drauf.

Die niedrigen Zinsen spüren Sparer auch bei neuen Verträgen. Für sie garantieren die Lebensversicherer nur noch eine Verzinsung von 1,75 Prozent, wiederum nur auf den Sparbeitrag. Bei einer Garantie von 1,75 Prozent dauert es Jahrzehnte, bis der Kunde mit seiner Police durch die Zinserträge wenigstens die Kosten wieder reingeholt hat. Zwar gewähren die meisten Gesellschaften heute noch eine Verzinsung über dem Garantiezins, sicher ist das aber nicht. Inzwischen bieten Allianz, Ergo und andere Policen ganz ohne Garantieverzinsung an, bei ihnen wird nur der Erhalt der eingezahlten Beiträge zugesagt.

Kunden mit älteren Verträgen stehen besser da: In den 1990er Jahren haben die Konzerne bis zu vier Prozent Zins auf den Sparanteil garantiert. Diese Garantien gelten für die gesamte Laufzeit eines Vertrages. Über alle Garantiegenerationen liegt der Durchschnitt der Policen bei 3,15 Prozent. Zu den jährlichen Überschussbeteiligungen erhalten die Kunden am Ende Anteile an den Bewertungsreserven und Schlussgewinne. Allerdings können die Gesellschaften, wenn es ihnen schlecht geht, die Schlussgewinne einbehalten. Und die Beteiligung an den Bewertungsreserven will die Branche gerade wieder abschaffen. Sie hat dazu eine politische Kampagne in Berlin gestartet.

Aktionäre

An der Börse herrschte am Donnerstag Jubelstimmung. Der Deutsche Aktienindex (Dax) legte um gut 100 Punkte auf ein Rekordhoch von mehr als 9193 Punkten zu, später fiel er wieder. Niedrige Zinsen bedeuten, dass es auch künftig viel billiges Geld im Finanzsystem der Euro-Zone geben wird. Und dieses Geld fließt bevorzugt in Aktien, da die vermeintlich sicheren Alternativen - Bankprodukte und Staatsanleihen - kaum Zinsen bringen. Der Dax ist seit Jahresanfang bereits um 20 Prozent gestiegen. Viele Ökonomen erwarten, dass der Trend weiter nach oben geht, zumal gegen Jahresende häufig eine Aktienrally einsetzt: Große Investoren kaufen dann Werte, die im Jahresverlauf gestiegen sind, um ihren Kunden zu demonstrieren, dass sie den richtigen Riecher hatten.

Immobilienkäufer

Auch sie profitieren von niedrigen Zinsen. Immobilienfinanzierungen sind nahe an ihrem historischen Tiefstand. So kostet zehnjähriges Baugeld laut biallo.de derzeit im Durchschnitt 2,66 Prozent. Die Zinsen dürften mit der Entscheidung der Notenbanker weiter leicht sinken. Allerdings will eine Baufinanzierung gut überlegt sein. Die Immobilienpreise sind vielerorts schon stark gestiegen. Und es drohen deutlich höhere Zinsen, wenn in einigen Jahren die Anschlussfinanzierung ansteht.