Finanzkrise in Europa Zypern im Sturzflug

Menschen sitzen in einer Bar in Nicosia und hören eine Ansprache von Präsident Anastasiades im Fernsehen an. Dem Land steht ein abrupter Wandel bevor.

(Foto: Getty Images)

Die Arbeitslosigkeit steigt, viele verlieren den Großteil ihres Vermögens, erste Selbstmordversuche werden gemeldet: Für die Zyprer wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Aber auch für Europa bricht ein neues Zeitalter an - denn was in Zypern geschieht, hat es bisher in keinem anderen Land gegeben.

Von Christiane Schlötzer, Nikosia

Die Volksfeststimmung an diesem sonnigen Montag in Nikosia passt so gar nicht zur langen dunklen Nacht von Brüssel. Die mächtige Faneromeni-Kirche im Herzen der Inselhauptstadt ist mit Girlanden geschmückt, bestehend aus Hunderten weiß-blauen griechischen Nationalflaggen und dem weißen Banner Zyperns, auf dem die Insel goldgelb leuchtet. Der 25. März ist Nationalfeiertag in Griechenland. Zypern feiert da traditionell mit. Aber nun könnte es mit der Eintracht zwischen Nikosia und Athen bald vorbei sein, und das hat mit der Nacht von Brüssel zu tun.

"Es ist ein Schock", sagt Zinonas Pophaidis. Der Ökonom bestellt einen bitteren Mokka in einem Café etwas abseits der bunten Wimpel. Der 62-Jährige hat bis drei Uhr nachts vor dem Fernseher gesessen, und schon morgens um sechs Uhr hat er den Apparat wieder eingeschaltet. "Ich wollte nichts verpassen", sagt er. Im grellen Morgenlicht wurde ihm klar, welchen Preis Zypern für die Rettung vor dem Bankrott zahlen muss. "Für viele Unternehmen wird das eine Tragödie. Wie sollen sie ihre Löhne zahlen?" fragt Pophaidis, der auch als Berater von Firmen arbeitet. "Etwa 70 Prozent des Geschäftslebens ist hier von den zwei größten Banken abhängig." Die gibt es von sofort an in der alten Form nicht mehr.

Von der kleineren, der schon lange insolventen Laiki-Bank, bleibt nur eine "Bad Bank", ein Sammelbecken für faule Kredite. Ihr guter Teil geht in der großen Bank of Cyprus auf. Aber auch wer sein Geld bei diesem einstigen Flaggschiff Zyperns hat, muss Verluste von mindestens 30 Prozent seiner Einlagen über 100.000 Euro hinnehmen. Die werden in Bank-Anteile umgewandelt. "Was davon bleibt, ist ungewiss", sagt der Ökonom. "Zudem zahlen wir jetzt für die griechische Krise mit."

"Es ist wie nach einem Krieg"

Das liegt auch an der Laiki-Bank, die nun im Mittelmeer versinkt wie ein zu schwer beladenes Schiff. Die Laiki hatte sich zuletzt etwa neun Milliarden Euro von der Europäischen Zentralbank (EZB) als Soforthilfe geben lassen, davon aber etwa zwei Drittel an ihre taumelnden Töchter in Griechenland weitergegeben. Die hat nun die griechische Piräus-Bank übernommen. Die Zeche aber zahlt Zypern. Genauer gesagt, wird sie von der Bank of Cyprus übernommen, die das Geld an die EZB zurückerstatten muss. "Eine riesige Last", stöhnt Pophaidis. "Die Arbeitslosigkeit wird steigen, die Rezession vielleicht 20 Prozent erreichen, es ist wie nach einem Krieg."

Im Staatsfernsehen wird vorsichtiger formuliert. Der Moderator spricht von einer "neuen Epoche" für Zypern. Er könnte auch von einem neuen Zeitalter für Europa reden, denn das, was in Zypern geschieht, hat es in keinem anderen Krisenland bislang gegeben. "Vor einer Woche bin ich aufgewacht und habe gedacht, hey, was ist hier los?", sagt eine junge Frau, die sich als Elena vorstellt. 23 Jahre ist sie alt und sehr wütend. "Mit Che Guevara" habe sich Ex-Präsident Dimitris Christofias von der kommunistischen Akel-Partei, der bis vor vier Wochen im Amt war, verglichen. "Was für ein Witz!", schimpft die junge Frau. Sie fühle sich als Zypriotin "erniedrigt". Der konservative Präsident Nikos Anastasiadis, der in Brüssel mehrmals mit Rücktritt gedroht haben soll, hat die junge Frau genauso wenig überzeugt. "Die hätten das erste Paket annehmen sollen, da hätten wir alle bezahlt, das wäre besser gewesen."