Fehlkalkulation der Energieunternehmen Fracking lohnt sich nicht

Förderanlage Bakken in North Dakota, USA: Die Energiegewinnung durch Fracking zahlt sich für die Unternehmen nicht aus.

Die Euphorie ist verflogen: Für Energiefirmen und Investoren hat sich Fracking bislang nicht ausgezahlt. Die Kosten sind hoch, die Preise niedrig und noch dazu sind die Schiefergasreserven wohl kleiner als bislang angenommen.

Von Silvia Liebrich

Der Schiefergasboom in den USA sorgt für Aufbruchstimmung in der Wirtschaft. Energie - reichlich und billig - gilt als Garant für Wachstum. Doch die Euphorie der vergangenen zwei Jahre könnte schon bald in Ernüchterung umschlagen. Neue Zahlen zeigen, dass bei den Investoren die Begeisterung für Fracking bereits erheblich nachgelassen hat.

Insgesamt flossen 2013 nur noch 3,4 Milliarden Dollar in Beteiligungen an Schiefergas- und Schiefervorkommen. Im Jahr zuvor machten die Kapitalgeber mehr als doppelt so viel Geld locker. Das geht aus Daten hervor, die das amerikanische Beratungsunternehmen IHS Herold jetzt veröffentlicht hat. Im Vergleich zu 2011 schrumpften die Investitionen 2013 sogar auf ein Zehntel. Für die amerikanische Energiebranche ist das ein Rückschlag.

Für Energiefirmen und ihre Geldgeber habe sich der Boom bislang nicht ausgezahlt, stellen die IHS-Experten fest. Demnach gaben die Förderunternehmen seit 2008 unter dem Strich mehr Geld für Land, Ausrüstung und Förderung aus, als sie mit dem Verkauf von Schiefergas und -öl eingenommen haben. Fließt jedoch weniger Kapital in die nordamerikanischen Gasfelder, wird auch weniger gebohrt und produziert. Damit sinkt das Angebot - und das könnte der Ära der billigen Energie ein jähes Ende setzen.

Die Industrie ist Opfer ihres eigenen Erfolgs

"Wenn sich in der Branche nicht genügend Geld verdienen lässt, platzt die Blase und Energie wird rasch teurer", warnt der Physiker Werner Zittel, Vorstand der unabhängigen Ludwig-Bölkow-Stiftung, die den Energiemarkt kritisch beobachtet. "Ich wäre nicht erstaunt, wenn das noch in diesem Jahr geschehen würde. Der Traum von der billigen Energie könnte schneller ausgeträumt sein, als viele glauben", sagt Zittel.

Die Industrie ist damit Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Mithilfe der umstrittenen Fracking-Methode ist es den Firmen gelungen, mehr und mehr Gas aus dem Gestein im Untergrund zu pressen, und das hat die Preise 2012 auf einen absoluten Tiefstand gedrückt. Was Verbraucher und Abnehmer in der Wirtschaft freut, verdirbt jedoch Kapitalgebern das Geschäft.

Fallen die Preise, verschlechtert sich ihre Aussicht auf Gewinne. Vor allem Investoren aus Europa und Asien haben sich deshalb in den letzten Monaten zurückgezogen. Zwar erholten sich die Preise im Laufe des vergangenen Jahres leicht. Aber an der Wall Street macht sich Ernüchterung breit. Der ganze Markt habe sich verändert, klagen Analysten. Sichtbar wird das auch an der sinkenden Zahl von Beteiligungen und Übernahmen, deren Gesamtwert sich 2013 fast halbierte.

Shell musste zwei Milliarden Dollar abschreiben

Der Verfall der Preise reißt Löcher in die Bilanzen der Förderunternehmen. Kritische Experten wie Zittel halten einen großen Teil der Schiefergasreserven ohnehin für überbewertet. Auch der niederländisch-britische Energiekonzern Shell musste erst vor ein paar Monaten Abschreibungen in Höhe von zwei Milliarden Dollar auf seine Beteiligungen an nordamerikanischen Vorkommen vornehmen. Konkurrenten wie BP, Encana und die britische BG Group mussten den Wert ihres Schiefergasgeschäfts in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls deutlich nach unten korrigieren. Das gilt auch für viele kleinere Produzenten.

Professor Christian Growitsch vom Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln (EWI) allerdings glaubt trotz des Einbruchs bei den Investitionen nicht daran, dass in den USA ein deutlicher Preisanstieg bevorsteht: "Auch wenn die Gaspreise nicht auf dem sehr niedrigen Niveau von heute bleiben sollten, muss nicht zwangsläufig mit einem drastischen Preisanstieg gerechnet werden." Zwar sei die Produktion 2013 nicht mehr so stark gestiegen wie im Vorjahr, insgesamt verfügten die USA jedoch über beachtliche Ressourcen für beide Energieträger, Gas und Öl.

Im Ausblick für 2014, den die US-Energiebehörde EIA gerade erst vorgelegt hat, spielt der Rückgang der Investitionen keine große Rolle. Die EIA geht davon aus, dass die Schiefergasproduktion bis 2040 weiter steigen wird. Zittel hält diese Prognose sowie die Reserveangaben für zu optimistisch. Er hat die Förderstatistiken der einzelnen Bundesstaaten mit den Angaben der EIA verglichen und Abweichungen festgestellt.

"Da kann was nicht stimmen"

Während einzelne Staaten wie Texas im vergangenen Jahr bereits leicht sinkende Förderzahlen ausgewiesen hätten, melde die Bundesbehörde noch ein leichtes Plus. "Da kann was nicht stimmen", meint Zittel. "Der Scheitelpunkt des Schiefergasbooms könnte bereits jetzt erreicht sein, wenn die Industrie nicht kräftig Geld in die Förderung steckt und viele neue Quellen erschließen kann."

Während die USA nicht an ihren optimistischen Prognosen rütteln wollen, hat die EU-Kommission am Donnerstag ihre Reserveschätzungen für Europa nach unten korrigiert, von zuletzt 15,8 Billionen Kubikmetern förderfähigem Gas auf nur noch 13,3 Billionen Kubikmeter. Schiefergas ist bislang in Europa noch weitgehend unerschlossen, doch Wirtschaft und konservative Parteien machen Druck diese Reserven anzugreifen.

In Deutschland liegen Fracking-Vorhaben auf Eis, weil es erhebliche Umweltbedenken und großen Widerstand in der Bevölkerung gibt. Die neue Bundesregierung wird in den nächsten Monaten entscheiden müssen, wie es weitergeht. Über eines jedenfalls sind sich die Experten einig: Hohe Auflagen werden eine Förderung hierzulande erheblich teurer machen als in den Vereinigten Staaten.