Euro Wie Deutschland von der Schuldenkrise profitiert

Deutschland soll mehr für die Euro-Rettung zahlen, sagen die anderen Länder - denn die deutsche Wirtschaft ist der Gewinner in Europa. Tatsächlich kommt der hiesigen Industrie der Euro zugute, und auch der Staat profitiert: Die Zinslast des Bundes hat sich deutlich verringert.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

Dass es leichter ist, über Angela Merkel und Deutschland zu reden, als mit Angela Merkel über Deutschland zu reden, hat in den vergangenen sechs Jahren schon mancher Gesprächspartner der Bundeskanzlerin erfahren müssen. Seit vergangener Woche gehört auch Mario Monti zu diesem illustren Kreis.

Unmittelbar vor seinem Antrittsbesuch in Berlin hatte der neue italienische Regierungschef ein Interview in der Tageszeitung Die Welt platziert, in dem er mehr Respekt für die Reformanstrengungen seiner Landsleute forderte und finanzielle Unterstützung Deutschlands beim Bemühen um niedrigere Anleihezinsen verlangte.

Als er Merkel jedoch dann im Kanzleramt gegenübersaß, war von konkreten Wünschen plötzlich keine Rede mehr. Nicht einmal seine schon oft öffentlich erhobene Forderung nach Einführung gemeinschaftlicher Staatsanleihen mochte er wiederholen. Merkel - und noch mehr die Koalitionsfraktionen von Union und FDP -, das weiß Monti, lehnt die Einführung der sogenannten Euro-Bonds bis auf weiteres strikt ab.

Dem Premier bleibt also vorerst nichts weiter übrig, als seine Medienoffensive fortzusetzen - nun in der Londoner Financial Times. Demnach muss Deutschland den Italienern gleich aus drei Gründen zur Hilfe eilen: Zum einen, so Monti, habe die Bundesrepublik die lange finanzpolitische Grundsatzdebatte in Europa endgültig für sich entschieden und ihre Vision einer "Kultur der Stabilität" erfolgreich auf die ganze Euro-Zone übertragen. Dieser beginnende Mentalitätswechsel müsse zweitens aber auch gewürdigt werden, weil es sonst zu antideutschen Protesten und zu "einem machtvollen Rückschlag in den Ländern kommen wird, denen enorme Anstrengungen auferlegt werden". Und drittens schließlich profitiere niemand mehr vom Euro als die Bundesbürger.

Käme die D-Mark zurück, wäre der Exportboom vorbei

Mit diesem letzten Hinweis trifft der Italiener einen Punkt, der in der innerdeutschen Debatte gerne untergeht. Tatsächlich gehen fast zwei Drittel der deutschen Exporte in die Europäische Union, der weit überwiegende Teil davon in die Euro-Länder. Da es kein Wechselkursrisiko gibt, müssen die hiesigen Unternehmen keine teuren Absicherungsgeschäfte tätigen. Bräche die Euro-Zone auseinander, würde die wieder eingeführte Deutsche Mark im Vergleich zu den neuen nationalen Währungen vieler anderer Staaten massiv aufgewertet. Deutsche Waren würden damit im Ausland so teuer, dass es mit dem Exportboom vorbei wäre.

Deutschland profitiert aber nicht nur vom Euro, sondern auch von der Euro-Krise: Mit 32,8 Milliarden Euro waren die Zinszahlungen des Bundes im vergangenen Jahr nicht nur so niedrig wie seit 1993 nicht mehr, sie lagen auch um satte 2,5 Milliarden Euro unter den Erwartungen.

Grund ist, dass die Anleger deutsche Staatsanleihen als sogenannten sicheren Hafen betrachten. Das führt dazu, dass die Investoren Schuldverschreibungen der Bundesregierung auch dann kaufen, wenn die angebotene Verzinsung immer mickriger wird. Fast alle anderen Euro-Länder müssen hingegen immer höhere Zinsen anbieten.

Deutlich wird das Gefälle an den Renditeabständen zwischen deutschen Anleihen und denen anderer Länder. Die sogenannten Spreads, die jahrelang weniger als einen Prozentpunkt ausmachten, erreichen mittlerweile Werte von vier, fünf oder gar zehn Punkten. Konkreter ausgedrückt: Während die Rendite deutscher Staatspapiere mit zehnjähriger Laufzeit bei knapp 1,8 Prozent liegt, muss Frankreich mit einem Risikoaufschlag von 3,1 Prozent, Belgien schon mit 4,2, Spanien mit 5,3 und Italien gar mit 6,7 Prozent leben.

Deutschland spart Milliarden Zinsen

Wie positiv sich die Dinge hingegen für Deutschland entwickelt haben, zeigt die sogenannte Umlaufrendite, also der Durchschnittsertrag aller deutscher Spitzenanleihen. Sie hat diese Woche mit 1,42 Prozent den niedrigsten Stand der Geschichte erreicht. Zum Vergleich: 2009 lag sie noch bei 4,7 Prozent.

Für Finanzminister Wolfgang Schäuble macht sich das sofort in der Kasse bemerkbar: Nach seinen Berechnungen hätte allein der Bund zwischen Oktober 2009 und Oktober 2011 fast 1,3 Milliarden Euro mehr Zinsen zahlen müssen, wenn die Kreditkonditionen heute noch so wären wie vor Beginn der Schuldenkrise.

Kein Wunder also, dass Monti mit Hilfe von Euro-Bonds wenigstens ein Stück von der deutschen Spitzenbonität abknapsen will. Dafür allerdings muss er künftig mit Merkel reden, nicht über sie.