Mensch und Erde Es gibt kein Zurück

Schweizer Gletscher schmelzen - und der ganze Planet wird knapp.

(Foto: dpa)

Der Mensch verändert den Planeten in nie gekanntem Ausmaß. Jetzt hat er sogar sein eigenes Erdzeitalter: das Anthropozän. Das verlangt nach neuen Antworten.

Von Jan Willmroth

Wenn es Frühjahr wird, die Schneeschmelze die Bäche und Flüsse hat anschwellen lassen und die Zugvögel allmählich auf die Nordhalbkugel zurückgekehrt sind, dann wird die Internationale Kommission für Stratigrafie wahrscheinlich offiziell festlegen, was zahlreich dokumentiert und schon offensichtlich ist: Das Leben spielt sich auf einer menschengemachten Erde ab.

Der wirtschaftende Mensch, der den Fortschritt lebt und von der Erde zehrt, hat sich in das Gedächtnis seines Planeten eingebrannt und ein Zeitalter geschaffen, das seinen Namen trägt. Der Mensch ist vom Bewohner zum Gestalter geworden, zur geophysischen Einflussgröße, und wird noch einflussreicher werden.

Dafür gibt es jetzt einen Namen: Anthropozän, die Erdepoche der Menschen.

Noch vor 15 Jahren war das nur ein Begriff, geprägt durch den Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen. Jetzt, im Jahr 2016, ist es ein Konzept, das den Blick auf den Planeten, auf die Herausforderungen dieses Jahrhunderts und auf menschliche Gesellschaften völlig verändern kann. Und es ist eines, das nach neuen Antworten auf alte Fragen verlangt.

Was das Land nicht vergisst

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Ungefähr mit der industriellen Revolution um 1800, das liegt dem Begriff des Anthropozäns zugrunde, ist der Mensch zum bestimmenden Faktor etlicher geologischer und biochemischer Prozesse geworden, die den Planeten prägen. Heute kann jeder beobachten, was das bedeutet.

Vor der eigenen Haustür, wo riesige, mit dem knapper werdenden Phosphor gedüngte Maisfelder abgeerntet werden und die Früchte als Energierohstoff dienen. Im Nordosten des amerikanischen Kontinents, wo sich Eisbären immer näher an die Siedlungen der Inuit heranwagen und die Überreste geschlachteter Wale abnagen - noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen war so wenig Eis in der Arktis wie im vergangenen Winter; noch nie war für Eisbären der Raum zur Nahrungssuche so knapp.

Unberührte Natur - längst eine Ausnahme

Im Hafen von Shanghai, von wo aus Milliarden Elektrogeräte in Containern um die Welt verschifft werden und mit ihnen verarbeitete Rohstoffe aus allen Kontinenten. In australischen Kohleminen, indischen Steinbrüchen oder von einem Hochhaus in Dubai aus.

Mit den Erkenntnissen des amerikanischen Geografen Erle C. Ellis könnte man sagen: Man sieht es überall. Ellis hat mithilfe von Satellitenbildern dokumentiert, wo es auf der Erde noch vom Menschen unberührte Naturräume gibt.

Auf drei Vierteln der Landfläche außerhalb der Eisschilde fand er sichtbare Spuren, die direkt vom Menschen stammen: Siedlungen und Megastädte, Äcker und Viehfarmen, Forstwälder, Stauseen und Mülldeponien. Extrem intensiv und weniger stark genutztes Land. Zählt man noch von Menschen verursachte synthetische Stoffe dazu, die mit dem Niederschlag auch das Hochgebirge erreichen, gibt es genau das fast nirgendwo mehr: völlig unberührte Natur.