Ernährung Eine Zuckersteuer würde Deutschland gut tun

Energie in Würfeln: Viele Verbraucher unterschätzen den Zuckeranteil in ihrem Essen.

(Foto: dpa)

In vielen Ländern steigt die Zahl der Übergewichtigen. Die Lebensmittelindustrie ist mitschuldig. Ohne Zwang wird sie den Zuckeranteil in Limos und Fertiggerichten nicht senken.

Kommentar von Silvia Liebrich

Eine Schale Knuspermüsli oder ein Becher Erdbeer-Joghurt, so oder so ähnlich sieht in vielen deutschen Haushalten ein gesundes Frühstück aus. Doch ist es das wirklich? Tatsache ist, dass Verbraucher den darin enthaltenen Anteil an Zucker in Befragungen meist grob unterschätzen. Dass in Joghurt oder Müsli bis zu elf Würfel des Süßmachers stecken können, ist den wenigsten klar. Noch weniger sind sich bewusst, dass sie damit bereits fast die Hälfte der empfohlenen Tagesration an Zucker verbraucht haben. Hinreichend bekannt ist dagegen: Zu viel Zucker kann krank machen.

Viele Länder weltweit haben inzwischen ein sprichwörtlich dickes Problem, immer mehr Menschen, darunter erschreckend viele Kinder, leiden an Übergewicht, Diabetes und anderen Krankheiten, die Wissenschaftler auch auf einen zu hohen Zuckerkonsum zurückführen. Eine Mitschuld daran muss sich die Lebensmittel- und Getränkeindustrie zuschreiben lassen. Deren Produkte sind zum Teil erheblich überzuckert.

Großbritannien hat sich deshalb vor zwei Jahren durchgerungen, eine Steuer auf Limonaden und andere Getränke mit überhöhtem Zuckeranteil zu erheben. Wer es gern süß mag, zahlt dort seit dem 1. April mehr. Softdrinks ab einem Zuckergehalt von fünf Gramm pro 100 Milliliter werden besteuert. Schon im Vorfeld zeigte die Abgabe Wirkung. So hat etwa der britische Marktführer Coca-Cola seine Rezeptur geändert und den Zuckergehalt von Fanta oder Sprite knapp unter den Grenzwert gesenkt, um die drohende Abgabe zu vermeiden. Dem sind auch andere große Hersteller auf dem britischen Markt gefolgt.

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Das Beispiel zeigt: Eine Zuckersteuer taugt als probates Mittel im Kampf gegen eine uneinsichtige Lebensmittelindustrie und zum besseren Schutz von Verbrauchern. Freiwillig hätten sich die Produzenten wohl nicht zu diesem Schritt entschlossen. So gesehen ist die Abgabe ein erster Erfolg. Und die Liste der Länder, die dem Zuckerkonsum mit finanziellen Sanktionen den Kampf ansagen, wird länger. Auch Irland, Portugal, Estland, Belgien, Norwegen, Mexiko, Südafrika und Frankreich haben diesen Weg eingeschlagen, mit dem Ergebnis, dass weniger Limo und mehr Wasser getrunken wird.

Die deutsche Bundesregierung dagegen ziert sich. Obwohl auch in Deutschland die Zahl der übergewichtigen und zuckerkranken Menschen steigt - eine zusätzliche Belastung für das ohnehin strapazierte Gesundheitswesen. Für die frischvereidigte Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) kommt eine Zuckersteuer dennoch nicht in Frage, wie sie gerade erst deutlich machte. Offenbar will sie die exportstarke deutsche Lebensmittelindustrie nicht vergrätzen.

Dabei ließe sich das Problem mit klaren Regeln und Vorgaben durchaus entschärfen. Eine Zuckersteuer kann hier aber nur ein erster Schritt sein. Was Verbraucher vor allem benötigen, ist Transparenz und Aufklärung. Gerade der Anteil versteckter Süßmacher in Fertigprodukten ist bedenklich hoch. Niemand kann so am Ende des Tages genau wissen, wie viel er zu sich genommen hat. Zucker steckt selbst dort drin, wo man ihn nicht vermuten würde, etwa in Tütensuppen, Fischsalat, Pizza oder Soßen. Gut fünfzig verschiedene Zuckerarten setzt die Industrie ein, viele davon sind für Laien auf der Verpackung nicht als Süßmacher zu erkennen. Schärfere Gesetze müssen hier für eine vollständige und leicht verständliche Kennzeichnung sorgen.

Zucker wird verhamlost wie einst die Zigaretten

Aus Sicht vieler Produzenten ist so viel Transparenz jedoch unerwünscht. Zucker ist billiger Inhaltsstoff und wichtiger Geschmacksverstärker zugleich. Weniger süß, das bedeutet womöglich weniger Absatz und Gewinn. Aufgabe des Staates ist es, hier korrigierend einzugreifen, er darf die Interessen der Industrie nicht über den Schutz der Konsumenten stellen. Fadenscheinig ist da das Argument der Kritiker, es stehe dem Staat nicht zu, Bürger mit einer Zuckersteuer zu bevormunden. Richtig ist, dass es in der Verantwortung jedes einzelnen Menschen liegt, sich gesund zu ernähren. Zugleich hat er aber auch das Recht auf Schutz, auf Information und Aufklärung darüber, was er da eigentlich zu sich nimmt.

Zucker ist ein Gesundheitsrisiko, das die Lobbyverbände der Industrie nach wie vor verharmlosen, auch mit Hilfe von fragwürdigen wissenschaftlichen Studien. So, wie es einst auch bei Zigaretten der Fall war. Dass heute viel weniger geraucht wird, als noch vor wenigen Jahrzehnten, hat vor allem zwei Gründe: Es liegt zum einen an einer Tabakbesteuerung, die ebenfalls gegen viele Widerstände eingeführt wurde. Zum anderen an der Vernunft aufgeklärter Konsumenten. Ein Modell, das auch bei Zucker funktionieren kann.

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