Erdgasversorgung Blick in die Röhre

Flüssiggas für Japan (im Bild das Gaskraftwerk in Futtsu mit den Lagertanks): Der asiatische Staat ist auf die Lieferungen der LNG-Tanker angewiesen. In Deutschland fehlt dagegen ein Hafen.

(Foto: REUTERS)

Es gibt eine Möglichkeit, die deutsche Abhängigkeit von russischem Erdgas zu verringern: Flüssiggas. Doch dafür müsste ein Hafen entstehen, der als Anlandeplatz geeignet ist. Die Pläne dafür existieren seit Jahrzehnten - werden seit jeher aber hinausgezögert.

Von Markus Balser, Berlin

Im Industriegebiet Voslapper Groden treibt Deutschlands Energiepolitik Blüten. Hier am Jadebusen, ganz im Norden von Wilhelmshaven, liegt überwuchert von wilden Wiesen und Gestrüpp direkt an der Nordseeküste ein gewaltiges Vorhaben brach: auf 840 000 Quadratmetern, der Fläche von 100 Fußballfeldern. Im Süden grenzt das Gelände an den neuen Jade-Weser-Hafen, wo die größten Containerschiffe der Welt anlanden. Das Grundstück gehört der Deutschen Flüssiggas Terminal Gesellschaft.

Das Kürzel DFTG steht vor allem für ein Ziel: Deutschland unabhängig zu machen von Russlands Machtpolitik mit Gas-Pipelines. Denn schon seit vier Jahrzehnten hat die DFTG fertige Pläne in der Tasche, um für gut 500 Millionen Euro einen deutschen Umschlagplatz für Flüssiggas (LNG) zu errichten. Schiffe könnten den Rohstoff aus Regionen wie den USA, Nordafrika und dem arabischen Raum nach Deutschland transportieren, ohne dafür ein Pipelinenetz zu nutzen. Im Notfall könnte Deutschland russisches Gas dadurch leichter ersetzen.

Der Notfall ist da - der Hafen nicht.

Russland liefert heute fast 40 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases und droht wegen der Eskalation der Ukraine-Krise nun erstmals mit möglichen Lieferengpässen in Westeuropa. Immer lauter stellen führende Politiker deshalb die Frage: Wie könnte schnell mehr Erdgas aus anderen Weltregionen nach Deutschland gelenkt werden? Die mögliche Alternative heißt: Flüssiggas, kurz: LNG. Doch in Deutschland fehlt dafür schlicht die Infrastruktur, denn es gibt keinen Anlandeplatz. Unter Experten wird längst offen diskutiert, warum Politik und Wirtschaft in Deutschland über so viele Jahre am Bau eines neuen Zugangs zum Weltgasmarkt gescheitert sind, wenn die sichere Energieversorgung doch als höchste Priorität gilt.

Der Hafen könnte längst fertig sein

Die Bundesregierung ist von der Idee eigentlich überzeugt: "Ein LNG-Terminal würde als zusätzliche Importinfrastruktur zu einer höheren Versorgungssicherheit beitragen", heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion. Doch das Papier offenbart auch gleich das größte Hindernis beim Schwenk weg vom russischen Gas: "Der Bundesregierung sind derzeit keine konkreten Planungen für LNG-Terminals in Deutschland bekannt." Und eine rasche Lösung hält Berlin für kaum machbar: Allein die Bauzeit beziffert die Regierung auf rund drei Jahre. Dabei könnte der Hafen längst fertig sein. Am Standort Wilhelmshaven waren die planerischen Vorarbeiten eigentlich schon weit gediehen. Deutschlands größter Energiekonzern Eon, dem das Areal zusammen mit dem Energiekonzern VNG gehört, hat den Bau jedoch immer wieder hinausgezögert und im Jahr 2008 schließlich endgültig beerdigt.

Auch RWE hatte in Wilhelmshaven ein Projekt geplant. Im Jahr 2014 sollte es fertiggestellt werden. Doch der Konzern gab die Pläne vor drei Jahren auf. Experten werten die Engagements indes als geschicktes Manöver der Branche, um sich Konkurrenz vom Hals zu halten - denn die könnte drohen, wenn man Flüssiggas in Deutschland anlanden könnte. Die beiden Konzerne setzen auf russisches Pipelinegas und haben dazu langfristige Lieferverträge abgeschlossen. Man habe wohl auch den Lieferanten Gazprom nicht verärgern wollen, heißt es weiter. Bei Eon heißt es dagegen, ein Projekt in Deutschland habe sich nicht rentiert. Der Konzern halte LNG aber für einen Wachstumsmarkt in der Energiewelt. Experten und die Opposition sehen den Stillstand in Deutschland indes kritisch und fordern ein Umdenken: "Man hat zu wenig Lehren aus den Krisen der vergangenen Jahre gezogen", sagt Kirsten Westphal, Energieexpertin bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik mit Blick auf die Ukraine-Krisen 2006 und 2009, die bereits zu Engpässen in Europa führten. "Deutschland sollte seine Gasversorgung diversifizieren - und die Weichen dafür auch sofort stellen. Ein LNG-Terminal wäre ein zentraler Bestandteil. " Auch Oliver Krischer, Vizechef der Grünen-Fraktion, sieht Berlin in der Verantwortung. "Die Bundesregierung gesteht offen ein, in der Vergangenheit nichts gegen die steigende Abhängigkeit von russischem Erdgas unternommen zu haben." Während alle anderen westeuropäischen Staaten Terminals gebaut hätten, habe Deutschland einseitig auf russische Pipelines gesetzt. "Das ist eine Bankrotterklärung beim Thema Versorgungssicherheit."

Die Opposition wirft der Bundesregierung im Gasstreit zu große Nähe zu Moskau vor. "In Deutschland hat die Verquickung von Politik und Konzernen die Abhängigkeit von Russland immer weiter erhöht. Dabei gibt die Bundesregierung offen zu, dass die Versorgungssicherheit durch LNG-Terminals in Deutschland erhöht würde", sagt Krischer. Statt eine konsequente Erdgas-Diversifizierungsstrategie zu verfolgen, "wandeln Merkel und Gabriel bei der Gasversorgung nach wie vor auf den Pfaden von Schröder & Co."

In Berlin aber bahnt sich möglicherweise ein neuer Anlauf an. In Teilen der Regierung werde wieder über die LNG-Option gesprochen, heißt es. Möglich sei die Idee eines Hafens, der auch als Speicher für Notlagen fungiere. Noch ist das ein Gedankenspiel, aber an Genehmigungen wird es nicht scheitern. Die liegen seit Jahren vor.