Energiewende Warum sich RWE aufspalten muss

Das von RWE im Emsland betriebene Akw Lingen (Archivbild von 2010).

(Foto: dpa)
  • RWE, der zweitgrößte Energiekonzern in Deutschland, soll de facto in zwei Säulen aufgespalten werden.
  • In einer Säule wird das konventionelle Stromgeschäft gebündelt, in der anderen werden Stromnetz, Vertrieb und erneuerbare Energien zusammengefasst.
  • Der RWE-Chef Peter Terium räumt ein: Der Konzern habe zu lange auf Kohle und Atom gesetzt.
Von Varinia Bernau und Caspar Busse

Wer Peter Terium in den vergangenen Monaten genau zuhörte, konnte durchaus kleine, aber bedeutende Änderungen bemerken. Noch vor einem Jahr, als der Konkurrent Eon seine Aufspaltung verkündete, winkte der RWE-Chef ab. Nein, so wie die Kollegen aus Düsseldorf werde es RWE ganz sicher nicht machen, sagte er. Doch dann wurden die Worte Teriums vorsichtiger, auf Nachfragen schloss er nichts mehr aus, schließlich sprach er vielsagend von einem "Fall X". Wenn dieser eintrete, dann werde es spannend, hatte der gebürtige Niederländer zuletzt verkündet. Dabei war die Frage schon lange nicht mehr ob, sondern nur noch wann es passieren würde.

Der Atomstrom ist schon lange ein Auslaufmodell. Doch auch für die Braunkohle, die einst ein wichtiger Teil des Kerngeschäfts war, verdüsterten sich die Aussichten zuletzt fast täglich. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kündigte auf dem Weg zum Klimagipfel in Paris an, den Ausstieg aus der Kohle um ein ganzes Jahrzehnt vorziehen zu wollen. Und die Allianz gab bekannt, kein Geld mehr in Konzerne zu investieren, die auf diese Energiequelle setzen - was dem Kurs von RWE auch nicht gerade weiterhalf, der schon seit Langem im Sturzflug ist.

Zu früh kommt der Kurswechsel also nicht bei RWE. An diesem Dienstag nun gab Terium, 52, die Wende bekannt: Auch der nach Eon zweitgrößte Energiekonzern in Deutschland soll de facto in zwei Säulen aufgespalten werden. Die eine ist die bestehende Aktiengesellschaft, in der das konventionelle Stromgeschäft mit Atom- und Braunkohlekraftwerken sowie der Stromhandel angesiedelt bleiben. In der anderen, der neuen Gesellschaft, werden das Stromnetz, der Vertrieb und die erneuerbaren Energien, darunter etwa Windparks im Meer, gebündelt. Gegen Ende des nächsten Jahres soll ein Anteil von zehn Prozent der neuen Gesellschaft an die Börse gebracht und so neues Geld eingesammelt werden. Etwa die Hälfte davon soll in den Ausbau der erneuerbaren Energie fließen. Später könnten dann schrittweise auch weitere Aktien verkauft werden, sagte Terium. Die Mehrheit an dem Unternehmen aber soll die alte RWE halten, auch langfristig. Weil es die Zukunft ist - und weil diese Zukunftstechnik nicht immer zuverlässig funktioniert. "Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, wollen sie trotzdem ihren Kaffee trinken und ihr Handy aufladen", sagte Terium. Dann muss die Kohle wieder ran.

Eine selbstgemachte Misere

Es ist eine Misere, in die sich der Konzern auch selbst hineinmanövriert hat, das räumte Terium ein. Viel zu lange setzte der alte Konzernchef Jürgen Großmann auf Kohle und Atom - und überließ seinem Nachfolger Terium, der im Sommer 2012 antrat, damit drückende Altlasten. Noch im vergangenen Jahr erzeugte RWE die Hälfte seines Stroms aus Stein- und Braunkohle. Der Ökostromanteil lag bei knapp fünf Prozent. Der Wille im Unternehmen, sich der von der Politik ausgerufenen Energiewende zu stellen und Änderungen anzuschieben, sei zu gering gewesen, sagte Terium nun. "Viele haben den Kopf in den Sand gesteckt und auf bessere Zeiten gehofft."

Doch es fehlte nicht nur der Wille, es fehlte auch das Geld, um Windparks oder intelligente Stromnetze zu bauen. Der Strompreis sinkt immer weiter. Das bewirkt, dass sich der Gewinn bei der konventionellen Stromerzeugung mit Kohlekraftwerken binnen eines Jahres halbierte. Das Geschäft mit erneuerbaren Energien läuft besser, aber es ist zu klein. Es kann den Einbruch lediglich dämpfen, aber nicht einen Aufschwung anstoßen. Dazu kommen Schulden, die alles in allem bei etwa 33 Milliarden Euro liegen - einschließlich der Rückstellungen für den Abriss von Atommeilern, die Entsorgung des strahlenden Abfalls, die Renaturierung der Braunkohlegebiete und Pensionszusagen. Diese sollen weiterhin bei RWE zur Seite gelegt werden. "Wir entziehen uns nicht unserer Verantwortung", sagte Terium.

Allein in diesem Jahr verlor der Kurs an der Börse 60 Prozent

Und so fand sich unter den Investoren zuletzt kaum noch jemand, der Kapital in RWE stecken will. Zu ungewiss schienen die Aussichten. Alleine in diesem Jahr lag das Minus der RWE-Aktie bei 60 Prozent. An der Börse kam der nun angekündigte Umbau gut an: Einen "klugen Schachzug", nannte ein Investor die Pläne, das Papier von RWE machte nach der Ankündigung dann auch einen ordentlichen Sprung von 14 Prozent.

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Damit die Pläne in die Tat umgesetzt werden können, braucht Terium allerdings noch die Zustimmung des Aufsichtsrats. In dem Kontrollgremium, das Ende der nächsten Woche zusammenkommt, haben viele Kommunen ein wichtiges Wort mitzureden - und sie haben bereits in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass sie keinesfalls an Einfluss verlieren wollen. Ob Terium sie für seine Pläne gewinnen kann, wird somit wohl auch davon abhängen, wie viel Mitsprache er ihnen in der neuen Gesellschaft gewährt.

Und wie viel Dividende: Wenn das Unternehmen über einen Börsengang nun frisches Geld bekommt, um die nötigen Investitionen anzuschieben, so profitieren damit vielleicht auch die Aktionäre - darunter viele klamme Kommunen im Ruhrgebiet. Die dürften sich von der plötzlichen Kehrtwende des Peter Terium überrumpelt fühlen. Der Konkurrent Eon hatte seine Pläne zur Aufspaltung erst bekanntgegeben, als er die Zustimmung des Aufsichtsrats bereits hatte. Auf die plötzliche Bekanntgabe bei RWE angesprochen, gab sich Terium zerknirscht. Das sei nicht schön, aber notwendig gewesen, nachdem bereits Gerüchte die Runde gemacht hatten, die "doch sehr nah an der Realität waren". Er habe diese Pläne jedenfalls nicht im stillen Kämmerlein ausgeheckt.