Energie-Experiment auf Azoren-Insel Selbstversorger Graciosa

Bisher versorgte sich das Azoren-Eiland Graciosa mit Strom aus Dieselgeneratoren. Jetzt soll ein Berliner Start-up-Unternehmen die Stromversorgung umkrempeln: mit Windrädern, Solarmodulen und einer riesengroßen Batterie. Gelingt das, könnte Graciosa nicht nur zum Vorbild für viele andere Inseln werden.

Von Michael Bauchmüller

Es sind zwei Schiffe, die Graciosa in Bewegung halten, ein kleines und ein großes. Das große taucht alle paar Wochen am Horizont auf, es ist der Öltanker vom Festland. Das kleine ist das Insel-Tankschiff, das den Tanker anzapft. Der ist nämlich zu groß für den Hafen der kleinen Azoreninsel. So läuft das seit Jahrzehnten: ohne Tanker kein Öl, ohne Öl kein Strom. Denn in Graciosa, 1300 Kilometer vom Festland mitten im Atlantik gelegen, läuft ohne Dieselgeneratoren nichts. Noch.

Diese Woche war Alex Voigt dort, zur feierlichen Vertragsunterzeichnung. Voigt soll die saftig-grüne Insel noch viel grüner machen - mit Saft aus Windrädern und Solarmodulen. Ein komplett neues Stromsystem soll Voigts Berliner Start-up Younicos in Graciosa bis zum Jahr 2014 installieren, mit bis zu 100 Prozent erneuerbaren Energien. Gelingt dies, wäre es das erste geschlossene Ökostrom-System weltweit. "Und auf jeden Fall ist es das erste System, wo erneuerbare Energien nicht eine hübsche Ergänzung sind, sondern der Kern des Systems", schwärmt Voigt.

Zwar gibt es schon eine ganze Reihe von Orten und Inseln, die genügend Ökostrom erzeugen, um sich selbst zu versorgen. Aber nirgends gibt es bislang ein System, das völlig unabhängig funktioniert, also nicht noch an ein Stromnetz angeschlossen ist.

Und das funktioniert auf der Insel so: Wenn der Wind weht (das macht er auf Graciosa häufig) oder die Wolken die Sonne freigeben (was nicht ganz so oft passiert), versorgt der Ökostrom Haushalte und Betriebe. Gibt es mehr davon als nötig, füllt er eine der größten Batterien der Welt, ungefähr von den Ausmaßen zweier aufeinandergestapelter Garagen. Reicht dieser Puffer nicht aus, stehen zur Not noch die alten Dieselgeneratoren bereit, die sich allerdings auch mit Biomasse betreiben ließen. Zunächst ist ein Öko-Anteil von 70 Prozent angepeilt. "Graciosa wird zeigen, dass es möglich ist", sagt Duarte Ponte, Chef des regionalen Energieversorgers EDA. Energiewende auf portugiesisch. Nimmt der Generator dann noch Biodiesel, werden aus den 70 schnell 100 Prozent.