Studie zu Einkommen Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wächst

Die Einkommen normaler Arbeitnehmer werden in der Statistik voll erfasst, die Kapitalerträge der Reichen dagegen nicht.

(Foto: Thomas Imo/photothek.net)
  • Die Unterschiede zwischen den Einkommen in Deutschland sind offenbar in den vergangenen zehn Jahren doch gewachsen - anders als bisher angenommen.
  • Schuld daran dürften statistische Verzerrungen sein, weil Superreiche in den entsprechenden Studien nicht auftauchen.
Von Alexander Hagelüken und Thomas Öchsner, Berlin/München

Das Kapital, heißt es, ist ein scheues Reh. Wissenschaftler spüren das immer, wenn sie erkunden wollen, ob die Kluft zwischen Reich und Arm wächst. Wer wohlhabend ist, lässt sich schwer statistisch erfassen. Erst recht nehmen Milliardäre und Millionäre ungern an repräsentativen Umfragen teil. Bei der Frage, ob die Unterschiede zwischen oben und unten zunehmen, kann dies schnell zu verzerrenden Antworten führen. Dies zeigt eine neue Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des IMK-Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Die Einkommensunterschiede sind wohl größer geworden

Danach hat sich die Schere der Einkommensverteilung in Deutschland in den vergangenen Jahren eher weiter geöffnet. Die verbreitete Annahme, die Einkommensungleichheit sei nach 2005 zurückgegangen, halten die Forscher für "nicht plausibel" und eine Fehleinschätzung. Diese sei vor allem auf Lücken bei der statistischen Erfassung von Kapitaleinkommen zurückzuführen, also Zinsen, Dividenden oder Spekulationsgewinnen, die vor allem wohlhabenden Haushalten zufließen.

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Im März 2013 hatte das von Ursula von der Leyen (CDU) geführte Bundesarbeitsministerium in seinem umstrittenen Armuts- und Reichtumsbericht festgestellt: "Die Ungleichheit der Einkommen nimmt derzeit ab." Das Ministerium berief sich auf mehrere Wissenschaftler, die davon ausgegangen waren, dass sich die Einkommensungleichheit seit 2005 nicht weiter erhöht habe, sondern etwas zurückging. Die aktuelle Bundesregierung hat diese Position nicht revidiert, sie legt 2016 einen neuen Armuts- und Reichtumsbericht vor.

Die Interpretation von der Leyens stützt sich auf Daten aus dem sozioökonomischen Panel (SOEP), einer jährlichen Befragung von mehr als 20 000 Menschen. Demnach stieg das international verbreitetste Maß für Ungleichheit, der sogenannte Gini-Koeffizient, bei den Markteinkommen (Löhne und Gehälter, Einkünften aus selbständiger Tätigkeit, Kapitaleinkünfte, staatliche Sozialleistungen) von 2000 bis 2005 in Deutschland deutlich. Danach ging der Index bis 2010 leicht zurück. Wissenschaftler erklärten dies vor allem mit dem positiven Arbeitsmarkt-Trend seit den Reformen der Agenda 2010.

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Superreiche kommen in der Statistik nicht vor

Für IMK-Forscher Kai Daniel Schmid, einen der Autoren der neuen Untersuchung, handelt es sich um eine "vermeintliche Trendwende": Der Eindruck, dass sich hohe und niedrige Einkommen angenähert hätten, beruhe auf blinden Flecken bei der Befragung. Tatsächlich hat der Datensatz eine Lücke, die von den für das SOEP zuständigen Fachleuten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) auch gar nicht bestritten wird: So liefert die freiwillige Befragung für Haushalte mit niedrigem, mittleren und gehobenem Einkommen und Vermögen durchaus repräsentative Werte. Sehr reiche Menschen sind dabei jedoch deutlich unterrepräsentiert, etwa weil sie bei der Zufallsauswahl nicht gezogen werden oder auf Diskretion bedacht sind. Für die Forscher vom ZEW und IMK ist daher klar: "Deutschlands superreiche Multimillionäre und Milliardäre kommen in der Statistik nicht vor, auch ,einfache' Millionäre dürften im SOEP zu selten berücksichtigt sein." So besitzt der reichste Haushalt laut SOEP nach Abzug von Schulden nur 50 Millionen Euro - als ob es in Deutschland keine Familie Quandt (BMW), Albrecht (Aldi), Schwarz (Lidl) oder Otto (Otto-Versand) gäbe.

Als Beleg führen die Wissenschaftler in ihrer Studie eine Steuerstatistik an: Das Taxpayer-Panel enthält anonymisierte Daten von 27 Millionen Menschen in Deutschland, die eine Einkommensteuererklärung abgeben. Hier sind Haushalte mit sehr hohen Einkommen viel realistischer abgebildet. Arme Haushalte, bei denen keine Steuern anfallen, fehlen hingegen.

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Die Haushaltsbefragung und die Steuerstatistik liefern völlig unterschiedliche Ergebnisse, das zeigen schon zwei einfache Beispiele: Das einkommensstärkste Zehntel der Haushalte erzielte dem SOEP zufolge 2010 im Durchschnitt jährlich etwa 6000 Euro an Kapitaleinkommen. Nach der Steuerstatistik waren es jedoch 50 000 Euro, also fast zehnmal so viel. Berechnet man den Ungleichheits-Koeffizienten Gini auf Basis der Steuerstatistik, stieg auch zwischen 2005 und 2008 die Ungleichheit der Einkommen. Nur 2009 schloss sich die Schere ein bisschen, weil in der Finanzkrise die Kapitalerträge stark rückläufig waren. Bereits 2010 ging sie jedoch wieder auf. Die Forscher folgern daraus, dass die Zunahme der Kapitaleinkommen die positiven Effekte des Job-Booms überlagerte.

Börsen-Boom treibt Ungleichheit

Auch in den vergangenen Jahren habe die Ungleichheit bei den Einkommen weiter zugenommen, weil die Kursanstiege an den Börsen seit der Finanzkrise die Kapitalerträge erhöht hätten, sagt IMK-Experte Schmid. Diesen Befund teilen andere Forscher. "Wir rechnen mit einem signifikanten Zuwachs der Ungleichheit seit 2010", sagt Markus Grabka, der am Berliner DIW-Institut seit Jahren das Thema erforscht. Er hofft, bald die Daten bis inclusive 2013 ausgewertet zu haben. Die bisher vorliegenden Informationen des SOEP aus den Jahren 2011 und 2012 deuteten bereits auf eine Zunahme der Ungleichheit hin.

Grabka macht mehrere Vorschläge, wie sich das Einkommen sehr vermögender Menschen besser erfassen ließe, um ein klareres Bild der Kluft zwischen Arm und Reich zu gewinnen. Eine Möglichkeit wäre, die SOEP-Befragung von 20 000 auf 200 000 Menschen auszudehnen. Dies koste allerdings Geld. Eine zweite Möglichkeit wäre, Vermögendere bei der Auswahl der Befragten öfter zu ziehen. So steige die Wahrscheinlichkeit, auch einen Multimillionär zu befragen und damit exaktere Daten zu erhalten. Dieses Verfahren sei 2002 bereits einmal angewandt worden. Die Probleme bei der Erfassung lägen auf der Hand. "Wir wissen über Vermögende so gut wie nichts", klagt Grabka. Das sei etwa in Spanien anders, wo die Statistik der Vermögensteuer zuverlässige Daten liefere.

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