Eier-Skandal Insektengift Fipronil auch in Eierlikör und Backwaren

Nach Bekanntwerden des Skandals wurden im August Millionen Eier mit viel Tamtam aus dem Verkehr gezogen. Doch bei den verarbeiteten Lebensmitteln, in die Fipronil ebenfalls geraten ist, bleiben die Behörden bislang seltsam zahm.

(Foto: dpa)
  • Fipronil ist offenbar über verseuchte Eier in die Lebensmittelkette gelangt - die Bundesregierung spricht von mehr als 100 Funden in knapp 500 Proben.
  • Davon lagen 25 "über dem einschlägigen Rückstandshöchstgehalt".
Von Markus Balser und Christina Berndt

Der Skandal um Fipronil hat größere Ausmaße als bislang bekannt. Das Insektizid hat nicht nur frische Hühnereier kontaminiert, sondern steckt in zahlreichen weiteren Lebensmitteln, wie Behörden auf Anfrage einräumen.

Die Substanz ist offenbar über verseuchte Eier in die Lebensmittelkette gelangt, die Bundesregierung spricht von mehr als 100 Funden in knapp 500 Proben. Experten werfen der Regierung jedoch vor, das wahre Ausmaß der Affäre zu verschleiern. Mit Messtricks und der laxen Auslegung von Vorschriften werde verhindert, dass die Lebensmittelindustrie in großem Stil zu Marktrücknahmen und Rückrufen verdonnert werde. Hinter den Kulissen ist Streit zwischen Bund, Ländern und EU-Kontrolleuren entbrannt.

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Nach dem Rückruf vieler Millionen Eier begannen Behörden Anfang August mit einem brisanten Test. Sie forschten nach, ob auch eihaltige Lebensmittel vom Fipronil-Skandal betroffen sind. Bis Ende Oktober sollen dazu fast 800 Proben ausgewertet werden. Ein Zwischenergebnis, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, belegt nun, dass das Insektengift in vielen anderen Produkten in Supermärkten gelandet ist.

Mehr als 20 Prozent der getesteten Produkte waren auffällig

Dem Bundeslandwirtschaftsministerium liegen 473 Analysen und somit bereits mehr als die Hälfte der Ergebnisse vor. "Nach vorläufiger Auswertung wurden ... in 103 Proben Rückstände von Fipronil gefunden", teilt das Ministerium mit. Davon lagen 25 "über dem einschlägigen Rückstandshöchstgehalt". Im Klartext: Mehr als 20 Prozent der getesteten Produkte waren auffällig. Davon wiederum lag jedes vierte über dem Grenzwert. Insider sprechen von "beachtlichen Zahlen" und einer besorgniserregenden Trefferquote.

Belastet waren den Angaben der Behörden zufolge ganz unterschiedliche Lebensmittel. "Häufige Rückstandshöchstgehaltsüberschreitungen" habe man in den Kategorien "Vollei getrocknet", "Likör mit Eierzusatz", "Eiersalat" und "Feine Backwaren" gefunden, teilt das Ministerium mit.

Doch während im August Millionen Eier mit viel Tamtam aus dem Verkehr gezogen wurden, bleiben die Behörden bei verarbeiteten Produkten bislang seltsam zahm. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Zwar räumen die Behörden dort mehrere Grenzwertüberschreitungen ein.

Rückrufe wollte man den Herstellern aber offenbar nicht zumuten. Dafür habe die Rechtsgrundlage gefehlt, teilt das zuständige Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit. Die Unternehmen konnten die Ware diskret in einem "stillen Rückruf" aus den Regalen nehmen. Kunden, die die Produkte bereits gekauft hatten, wurden nicht informiert. Insider sehen darin den Versuch, kurz vor der Bundestagswahl die Öffentlichkeit nicht mit neuen Schreckensmeldungen zu konfrontieren.