Drohender Staatsbankrott in Argentinien Dreistes Land, dreiste Fonds

"Nein zur Zahlung der Schulden": Eine Frau passiert am 28. Juli in Buenos Aires ein Graffiti, das sich gegen die Forderungen von Argentiniens Gläubigern richtet.

(Foto: Reuters)

Argentinien zeigt eine bemerkenswerte Arroganz im Umgang mit seinen Gläubigern. Das ist teuer und verlangt der Bevölkerung viel ab. Doch die Regierung Kirchner stellt damit auch das spekulative System der Staatenfinanzierung in Frage.

Von Sebastian Schoepp

Wenn man Argentiniens Seele verstehen will, muss man Tango hören: "Cuesta abajo" - abwärts - heißt einer und er beginnt mit der Zeile: "So schleppe ich denn den Schmerz durch diese Welt, einmal etwas gewesen zu sein, und die Scham, es nun nicht mehr zu sein."

Argentinien ist immer wieder an solche Wendepunkte gelangt, an denen es nur noch abwärts zu gehen schien - so wie jetzt, da der neunte Staatsbankrott droht. Doch muss man nun um Argentinien weinen? Eher nicht. Das Land ist stets wieder emporgestiegen - mit einer speziellen Art der Krisenbewältigung.

Die Methode schrammt stets hart an der Selbstüberschätzung entlang. Bei der letzten Krise 2002 entschied sich Präsident Néstor Kirchner, das Land sozusagen freiwillig vom Finanzmarkt zu nehmen und es auf einen sehr umstrittenen Weg der Autarkie und Selbstbehauptung zu schicken. Den internationalen Finanzinstitutionen wies er die Tür, die Anleger speiste er mit einem Bruchteil ihres Geldes ab - und das alles mit einer Arroganz, die sprichwörtlich geworden ist für den Kirchner-Stil, der auch Estilo K genannt wird.

Argentiniens Überrumpelungstaktik ist frech

Seine Witwe und Nachfolgerin Cristina Fernández de Kirchner und ihr Wirtschaftsminister Axel Kiciloff haben ihn perfektioniert. Den Gläubigern und Hedgefonds, die das Land erneut an den Rand der Pleite bringen, tritt Argentinien mit derselben Arroganz gegenüber, wie es der Anleger und Staatenfledderer Paul E. Singer normalerweise mit seinen Schuldnern tut.

Die Überrumpelungstaktik, es derart frech auf die Staatspleite ankommen zu lassen, hat Gläubiger und Gerichte kalt erwischt. Das Brisante ist, dass Argentinien damit das gängige System der Staatenfinanzierung durch Spekulation infrage stellt. Der internationale Finanzkapitalismus muss sich womöglich fragen: was, wenn künftig mehr Länder so verfahren?

Argentinien glaubt, sich den forschen Auftritt leisten zu können. Die Verhältnisse haben sich seit 2002 stark geändert. Damals ächzte das Land unter den Folgen der Voodoo-Wirtschaftspolitik des Neoliberalen Carlos Menem, unter dem die windigen Schuldpapiere ausgegeben worden waren, die in die Pleite führten.

An seriöse Kreditfinanzierung denken die Hedgefonds nicht

Inzwischen hat das Land eine Erholung hingelegt, die es möglich macht, einen Teil der Außenstände zurückzuzahlen. Nur deswegen kamen einige Hedgefonds überhaupt auf die Idee, die volle Summe für Anlagen einzufordern, die sie einst als Schrottware erworben hatten - und für die nun märchenhafte Renditen winken. Mit seriöser Kreditfinanzierung hat das nichts zu tun.

Die Kirchners haben ihrem Land einiges zugemutet mit ihrer Arroganz und ihrem kostspieligen Autarkiekurs, der die Inflation antreibt und vielen Opfer abverlangt. Ihre Vision von einem eigenständigen Argentinien spaltet das Land scharf in Befürworter und Gegner. Aber bislang kann die Präsidentin sich auf eine Mehrheit verlassen. Darauf setzt sie - sowie darauf, dass diese Mehrheit krisenerprobt ist. Und dass jedem Abstieg die Hoffnung auf einen Wiederaufstieg innewohnt.