Diskussion um Biosprit E10 Kratzen an der Oberfläche

Da hat Dirk Niebel einen richtigen Coup gelandet: Mit seiner Forderung, den ungeliebten Biosprit E10 abzuschaffen, konnte er alle politischen Lager hinter sich vereinen. Dabei ist Niebels Vorstoß eine populistische Hetzkampagne, die ohne Folgen bleibt. Nun ist es höchste Zeit, die Diskussion um Energie grundsätzlich und ehrlich zu führen.

Ein Kommentar von Silvia Liebrich

Manager aus der Ölindustrie reiben sich die Hände, und die FDP kann einen wichtigen Punktsieg im parlamentarischen Überlebenskampf einfahren. Mit seiner Forderung, den ungeliebten Biosprit E10 abzuschaffen, hat Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) einen richtigen Coup gelandet.

"Öko? Heuchelei!" - Autofahrer demonstrieren 2011 gegen die Einführung der Benzinsorte E10.

(Foto: dapd)

Mit dem Vorstoß ist es ihm gelungen, Liberale, Grüne, Linke, Umweltschutzorganisationen und Ölkonzerne gleichermaßen hinter sich zu versammeln. Doch die Motive der Interessengruppen könnten unterschiedlicher kaum sein. Grüne, Linke und Umweltschützer lehnen Biosprit ab, weil er das weltweite Hungerproblem verschärft und die Abholzung von Regenwäldern beschleunigt. Mineralölkonzernen ist die Beimischungspflicht von Biokraftstoffen lästig, weil sie viel lieber ihr teures Erdöl verkaufen wollen. Umweltschutz und hungernde Menschen spielen dabei gar keine Rolle. Hier geht es allein um den Profit.

An diesem Widerspruch müsste man sich nicht weiter stören, wenn das Ergebnis stimmt und die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Die Tank-Teller-Debatte, wie sie von Niebel und seinen Parteigängern angezettelt wurde, trifft nicht den Kern des Problems. Sie ist viel mehr eine populistische Hetzkampagne, die allenfalls ein bisschen an der Oberfläche kratzt und am Ende doch ohne Folgen bleibt.

Es geht an erster Stelle um Verantwortung für das Leben von Menschen

Dabei ist es höchste Zeit, die Diskussion um Energie aus nachwachsenden Rohstoffen grundsätzlich und ehrlich zu führen. Denn die Frage, ob Feldfrüchte in den Tank oder auf den Teller gehören, ist nicht in erster Linie eine ökonomische, sondern eine moralische-ethische - und die lässt sich nicht mit nackten Zahlen, Erntestatistiken und Ertragskalkulationen beantworten.

Hier geht es an erster Stelle um die Verantwortung für das Leben von Millionen Menschen, die sich ihr tägliches Brot nicht mehr leisten können, wenn Spekulanten und Landwirte über steigende Preise für Agrarrohstoffe jubeln. Welche fatalen Folgen dies haben kann, hat die Hungerkrise von 2008 gezeigt. Getreidepreise in Rekordhöhe lösten damals in vielen ärmeren Ländern Revolten aus und brachten sogar Regime ins Wanken. Nach den schweren Dürren in den USA, Indien und Russland zeichnet sich nun das nächste Desaster ab.

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