Deutsche Bahn Die Bahn spielt mit den Preisen - und mit ihren Kunden

Bahnfahrer sind Gewohnheitsmenschen, die Revolutionen im Preissystem gar nicht mögen

(Foto: Getty Images)

Die Preise für Fahrkarten steigen wieder, und das teilweise happig. Wirtschaftlich mag es dafür Gründe geben - doch der Staatskonzern muss aufpassen, seine Existenzberechtigung nicht zu verlieren.

Kommentar von Thomas Öchsner

Alle Jahre wieder lautet bei der Deutschen Bahn die Frage: Wie viel darf's denn mehr sein beim nächsten Fahrplanwechsel? Diesmal hat sich die Bahn für eine Doppelstrategie entschieden. Die Preise für den Fernverkehr werden moderat erhöht. Der Aufschlag von durchschnittlich 1,9 Prozent in der zweiten Klasse liegt noch knapp unter der Teuerungsrate und ist damit akzeptabel. Ein Vabanquespiel ist hingegen, was der Staatskonzern auf der neu gebauten Schnellfahrstrecke Berlin - München versucht. 13,6 Prozent mehr will das Unternehmen für diese Zugfahrt verlangen. Wieder einmal testet die Bahn damit die Frustrationstoleranz ihrer Kunden.

Die Preise im Fernverkehr beruhen auf einem einfachen Prinzip: Je länger der Fahrtweg, desto mehr muss der Kunde bezahlen. Dieses Grundsatz wird bei der Neubaustrecke durchbrochen. Von Berlin nach München braucht man künftig nur noch vier statt sechs Stunden, und für dieses verbesserte Angebot sollen die Fahrgäste ohne Bahncard einfach mal so 18 Euro mehr herausrücken, also 150 Euro.

Nun nutzen die meisten Reisenden eine Bahn-Card, der Aufschlag ist für sie somit bis zur Hälfte geringer. Trotzdem ist diese Preispolitik für die Bahn gefährlich: Vor allem die jungen Kunden schauen genau auf ihre Reisekosten. Verzichten sie auf die Reise oder nehmen trotz einer doppelt so langen Fahrzeit wieder den Fernbus, ist es fraglich, ob es der Bahn gelingt, wie geplant die Zahl der Passagiere zwischen München und Berlin zu verdoppeln.

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Bahnfahrer sind Gewohnheitsmenschen, die Revolutionen im Preissystem gar nicht mögen. Dazu muss man sich nur erinnern, was für ein Desaster der frühere Bahn-Chef Hartmut Mehdorn erlebte, als er die Bahncard 50 abschaffen und ein Preissystem wie im Flugverkehr einführen ließ. Die Kunden kehrten in Scharen der Bahn den Rücken, Mehdorn musste das alte Preissystem wieder einführen.

Nun hat die Bahn dazu gelernt. Kein Bahnvorstand würde heute noch versuchen, mit der Brechstange gegen die Wünsche der Fahrgäste ein neues Preissystem zu etablieren. Auch ist der Konzern in den vergangenen Jahren nicht dem Ritual erlegen, steigende Kosten stets kurzerhand auf die Fahrkartenpreise umzulegen. 2014 und 2015 verzichtete die Bahn sogar auf höhere Preise in der zweiten Klasse, weil der Kampf um die Kunden härter wurde. Fernbusse, niedrigere Benzinpreise, Carsharing, Billigflieger und neue Mitfahrangebote hatten immer mehr Reisende wechseln lassen.

Inzwischen hat sich der Markt aber wieder verändert. Fernbusse sind teurer geworden. Von Berlin nach München geht es nicht mehr für 5,50 Euro. Und gerade auf dieser gefragten Strecke schwächelt auch die Konkurrenz in der Luft. Air Berlin fliegt bald sowieso nicht mehr. Der Billigflieger Transavia stellt den Betrieb zwischen München und Berlin ein. Folglich könnte die Lufthansa die Preise erhöhen und die Preisstrategie der Bahn aufgehen. Sollten allerdings viele Kunden die Strecke wegen des Sonderaufschlags meiden, muss der Konzern dort schleunigst mit den Preisen wieder heruntergehen.

Es ist nicht Aufgabe der Bahn, den eigenen Profit zu maximieren

Gewiss muss die Bahn Gewinne erwirtschaften, um nicht am Tropf der Steuerzahler zu hängen und um investieren zu können. Der Staatskonzern ist jedoch nicht dafür da, die eigene Rendite zu maximieren - mit dieser Aussage liegt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt völlig richtig. Die Bahn hat als Teil der Daseinsvorsorge vielmehr die Aufgabe, möglichst viele Kunden zu erträglichen Preisen möglichst komfortabel und ohne Verspätungen von A nach B zu bringen.

Jede Preiserhöhung ist insofern eine Gratwanderung. Sie darf einerseits weder Altkunden verprellen, noch Neukunden, die bislang das Auto vorgezogen haben, davon abhalten, die Bahn auszuprobieren. Anderseits muss die Bahn ihre Kosten decken, mit denen das Unternehmen ohnehin im Vergleich zur Konkurrenz in unfairer Weise belastet ist.

Preise für das Reisen spiegeln nicht die wahren Kosten wider, vor allem nicht diejenigen für die Schäden an der Umwelt. Während Busse von der Maut und Billigflieger von der Kerosinsteuer befreit sind, ist ausgerechnet die umweltfreundliche Bahn mit der Stromsteuer, den vollen Mehrwertsteuersatz und hohen Trassenpreisen für die Benutzung der Schiene gleich dreifach belastet. Eine neue Bundesregierung muss deshalb - so wie von 2018 an beim Güterverkehr - die Trassenpreise auch im Personenverkehr senken. Davon würden auch die Bahn-Konkurrenten auf der Schiene profitieren und damit letztlich auch die Reisenden. Gerade das Beispiel Bahn zeigt: Mehr Wettbewerb ist für die Kunden immer gut.

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