Debatte um Armut Wer in Deutschland arm ist

Die neue Armutsdebatte ist eine hochpolitische Glaubwürdigkeitsdebatte.

(Foto: dpa)

Es ist eine bissige Debatte darüber entstanden, was "richtige" Armut in Deutschland ist. Sie geht am Thema vorbei. Die deutschen Armen sind arm, weil sie ausgeschlossen sind aus einer Welt, die sich nur den Situierten entfaltet.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Wie kann man Armut messen? An der Länge der Schlange vor den Geschäften, in denen es das billige Brot von gestern zu kaufen gibt? Oder ist der Mensch womöglich erst dann arm, wenn er in Mülltonnen wühlen muss? Ist also dann die Not derer, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen und die samt ihren Kindern nur knapp irgendwie über die Runden kommen, keine richtige Not?

Es ist eine bissige Debatte darüber entstanden, was "richtige" Armut in Deutschland ist. Seitdem der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen neuen Armutsbericht vorgelegt, den Anstieg der Armutsquote auf 15,5 Prozent gemeldet und konstatiert hat, dass die "soziale Zerrissenheit" in der Bundesrepublik noch nie so tief gewesen sei, werden die Berechnungsmethoden attackiert, die solchen Feststellungen zugrunde liegen. Die Armutsrechnerei, so wird kritisiert, sei in einem reichen Land ein statistischer Schmarren - was sich schon aus folgender Überlegung ergäbe: Wenn alle Menschen auf einen Schlag 100-mal so viel verdienten, würde der Armutsbericht trotzdem beim Anteil von 15,5 Prozent Arme bleiben. Ist das die Entlarvung von statistischem Irrwitz? Die Kritik verkennt, dass die Preise dann entsprechend stiegen, sich an der Kaufkraft also wenig ändern würde.

Die neue Armutsdebatte ist eine hochpolitische Glaubwürdigkeitsdebatte. Sie wird ausgetragen zwischen denen, die Armut in Deutschland für ein aufgeblasenes Schreckensszenario halten, und denen, die die Realität aus täglicher Arbeit kennen. Deutschland ist ein reiches Land; trotzdem gibt es immer mehr Armut. Man sieht sie nicht, wenn man sie nicht sehen will. Schon vor Jahren hat ein Industriefunktionär am Rande einer Spendengala für Opfer einer Naturkatastrophe räsoniert, er könne angesichts des Elends anderswo das Gejammer über Armut hierzulande nicht mehr hören. Gewiss: Es stimmt, dass die deutschen Armen Krösusse wären in Kalkutta. Aber: Armut muss man beziehen auf die Gesellschaft, in der man lebt. Die deutschen Armen sind arm, weil sie ausgeschlossen sind aus einer Welt, die sich nur einigermaßen Situierten entfaltet. "Arm zu sein unter Armen mag vielleicht noch zum Aushalten sein. Arm zu sein unter protzenhaften Reichtum - das ist unerträglich". So stand es in einem Brief an den Münchner OB.

Immer den Staat im Nacken

Die Hartz-IV-Reform hat die Republik drastisch verändert. Ihre Befürworter sagen: zum Besseren. Doch die Teilhabe am normalen Leben ist für Millionen Betroffene fast unmöglich geworden. Eine Bestandsaufnahme. Von Hans von der Hagen und Benjamin Romberg mehr ...

Anerkennung der Bedürftigkeit verloren

Verglichen mit dem Elend in Mombasa oder Kalkutta sind deutsche Arme komfortabel ausgestattet. Sie verhungern nicht; Armut hierzulande ist selten eine Kalorienfrage. Aber daraus ergibt sich auch das Bittere für die Bedürftigen in Deutschland: Sie haben die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit verloren. Deswegen kann so getan werden, als seien die Langzeitarbeitslosen an ihrer Situation selbst schuld. Deshalb können die relativ Armen als relativ faul diskreditiert werden. Warum ist das so? Es gibt politischen Überdruss an ihrer Not. Und es gibt das Bestreben, den Niedriglohnsektor im Exportland Deutschland zu erhalten.

Der frühere Generalbundesanwalt Kay Nehm hat schon 2006, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, vor dem "Auseinanderdriften der Gesellschaft" gewarnt. Der Gegensatz von Gewinnern und Verlierern ist elementarer denn je. Der Politologe Franz Walter hat das so beschrieben: "Die einen betrinken sich mit Hansa-Pils, die anderen entspannen sich beim Brunello; die einen nächtigen in Fünf-Sterne-Hotels, die anderen machen es sich notgedrungen auf dem Balkon oder im nahegelegenen Campingplatz gemütlich". Das klingt klischeehaft. Dann schaut man in die Erhebungen von Jugendforschungsinstituten und stellt fest, dass Kinder aus unteren Schichten über keine Erfahrungen mit Ausflügen, Reisen oder Radtouren verfügen. Ihre Altersgenossen aus betuchten Familien haben die Welt schon gesehen und Sprachkurse absolviert.

Armut heute hat viele Gesichter: da ist der Gelegenheitsarbeiter; der wegrationalisierte Facharbeiter; der arbeitslose Akademiker; da sind die schon immer zu kurz gekommenen am Rand der Gesellschaft; da ist die alleinerziehende Mutter, da sind die Einwandererkinder, die aus dem Ghetto nicht herausfinden; da sind Hartz-IV-Empfänger; da sind dreihunderttausend Obdachlose; und die neuen Alten, die Dementen, die zu wenig Hilfe erhalten. Im "neuen Unten" bleiben die Leute für sich: netzwerkunfähig, vereinsamt. Der Vereinsamungszirkel verschwindet nicht, nur weil eine große Koalition regiert.

Armutsberichte stellen die Glaubwürdigkeit der Erfolgsmeldungen infrage - schwarze Null, sinkende Arbeitslosigkeit, hohes Steueraufkommen; alles ist ja, angeblich, gut wie schon lange nicht mehr. Aber: Armut hört nicht auf, nur weil die Politik ihrer überdrüssig ist und weil sie einem nicht mehr in den Kram passt.