Contra Keine Scheine, keine Verbrecher - was gegen Bargeld spricht

Beschlagnahmtes Bargeld eines international agierenden Drogenrings: Bargeld hilft vor allem der Kriminalität

(Foto: dpa)

Ohne Münzen und Scheine ließen sich Kriminalität besser bekämpfen und Finanzkrisen besser lösen.

Von Harald Freiberger

Die Bundesregierung begründet ihre geplante Obergrenze von 5000 Euro für Barzahlungen damit, dass sich auf diese Weise Geldwäsche besser verhindern lasse. Denn Bargeld hilft vor allem einer Personengruppe: Kriminellen. Jedes Jahr werden in Deutschland laut einer Studie rund 100 Milliarden Euro gewaschen, etwa durch den Kauf von Immobilien oder Kunst. Das Geld stammt häufig aus illegalen Geschäften mit Drogen oder Zwangsprostitution. Dabei fließt in der Regel Bargeld. Auch im internationalen Terrorismus spielt Geldwäsche eine große Rolle. Vor allem im Nicht-Banken-Bereich, also im Kunst- oder Immobilienhandel, ist die Kontrolle der Geldwäsche laut Bundesregierung unzureichend.

Eine Obergrenze hätte aber auch Folgen für Güter des täglichen Bedarfs, etwa Gebrauchtwagen, Schmuck oder Handwerkerleistungen. Diese könnten dann nicht mehr mit Schwarzgeld bezahlt werden. Die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International hält die Pläne der Bundesregierung für richtig. "Eine Obergrenze für Bargeldzahlungen ist ein sinnvoller Beitrag, um die Schattenwirtschaft zu bekämpfen", sagte Vorstandsmitglied Caspar von Hauenschild. Er plädiert sogar dafür, die Obergrenze ähnlich wie Frankreich noch enger fassen, zum Beispiel bei 1000 Euro.

Auch bei der Abschaffung der 500-Euro-Note ist die Bekämpfung von Kriminalität das Hauptargument: Ein normaler Bürger brauche den hochdotierten Schein kaum, dieser diene vor allem organisierten Banden dazu, ihre Geschäfte abzuwickeln. Immerhin werden derzeit gut 300 Milliarden Euro, mehr als ein Viertel des gesamten Bargelds in der EU, in 500er-Scheinen gehalten. Gäbe es kein Bargeld mehr, würde auch Kleinkriminellen wie Drogendealern das Handwerk gelegt.

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Bargeld ist unsicher

Kriminelle werden seit jeher von Orten angezogen, an denen viel Bargeld zu holen ist. Das war schon im Wilden Westen so, und es setzt sich bis heute fort. Die Zahl der Banküberfälle sinkt zwar, dafür gab es jüngst eine Serie von Geldautomaten-Sprengungen, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Die einfache Rechnung: Gibt es kein Bargeld mehr, gibt es auch keine Probleme mehr mit seiner Sicherheit.

Das Gegenargument ist, dass auch nicht-bare Bezahlarten unsicher sind. Jüngst etwa tauschten die Banken mehr als 100 000 Kreditkarten aus, weil sich Betrüger deren Daten besorgt hatten. Auch beim Online-Banking werden immer wieder neue Betrugsfälle bekannt, etwa durch das Abgreifen von PIN-Nummern ("Phishing") oder der mobilen Tan. Durch Betrug beim Bezahlen im Internet entsteht in Deutschland im Jahr ein Schaden von 3,4 Milliarden Euro, schätzt das Brandenburgische Institut für Gesellschaft und Sicherheit. "Dennoch überwiegen bei Beachtung gewisser Vorsichtsregeln und des Anwendung gesunden Menschenverstands bei Transaktionen im Internet die Vorteile die Risiken aktuell weit", sagt Johannes Riekemann von dem Institut.

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Bargeld ist teuer

Münzen und Scheine müssen geprägt und gedruckt werden. Sie werden unter strengen Sicherheitsverkehrungen von der Bundesbank zu den Bankfilialen transportiert, von dort zu den Einzelhändlern und wieder zurück. Der Druck von Scheinen kostete die Bundesbank 2014 fast 100 Millionen Euro; bezahlt wird es vom Steuerzahler. Der Transport geht auf Kosten von Banken und Einzelhandel, die es auf Verbraucher umlegen. Ohne dass es ihnen bewusst ist, zahlen die Bürger dafür, dass sie Münzen und Scheine im Geldbeutel tragen dürfen.

Die Kosten für das Bezahlen mit Karten oder über das Internet sind deutlich niedriger, weil der logistische Aufwand wegfällt. Bargeld zu managen, ist zuletzt auch noch teurer geworden, weil sich die Bundesbank aus der Fläche zurückzieht. Für Banken ist das Management von Münzen umständlicher geworden, sie nehmen dafür höhere Gebühren von den Kunden.

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Bargeld ist unpraktisch

Die Gegner des Bargelds bringen häufig das Vorbild Skandinavien ins Spiel. Länder wie Dänemark oder Schweden zeigten, dass es auch ohne Münzen und Scheine gehe. Dort werden nur noch ein Viertel aller Einkäufe bar abgewickelt, während es in Deutschland noch 80 Prozent sind. Die dänische Regierung brachte ein Gesetz auf den Weg, wonach Restaurants, Tankstellen und kleine Läden kein Bargeld mehr entgegennehmen müssen. Ihr Argument: Bargeld ist unpraktisch, das Bezahlen mit Karte viel einfacher. Zudem könnten die eingesparten Kosten die Wirtschaft ankurbeln. Die dänische Regierung will auch keine Münzen und Scheine mehr prägen und drucken. Das sollen, wenn überhaupt, private Firmen übernehmen.

Bargeld verstärkt die Finanzkrise

Seit einiger Zeit diskutieren Ökonomen das Argument, dass Notenbanken die Finanz- und Schuldenkrise mit ihrer Geldpolitik leichter bekämpfen könnten, wenn es kein Bargeld mehr gäbe. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Rogow und der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger plädieren aus diesem Grund dafür, Bargeld das Aus zu bereiten. Ihre Argumentation geht so: Die Notenbanken haben die Zinsen immer weiter heruntergefahren, teilweise liegen sie sogar schon im negativen Bereich. Die EZB etwa verlangt von Banken 0,25 Prozent Strafzins, wenn sie Einlagen kurzfristig bei ihr parken. Trotzdem springt die Konjunktur in Europa nicht an, weil zu viele Banken, Unternehmen und Verbraucher das Geld horten, statt es auszugeben und zu investieren.

Eine Reihe von Notenbankern würde die Zinsen aus diesem Grund gern noch deutlich tiefer senken. Ein Strafzins von drei Prozent könnte Unternehmen dazu verleiten, das viele Geld, das die Zentralbanken geschaffen haben, auch auszugeben und damit die Konjunktur anzukurbeln. Was dies jedoch verhindert, ist das Bargeld. Denn wenn die Zinsen zu sehr ins Negative sinken, können es Bürger und Betriebe von der Bank holen und zu Hause horten, um den Strafzins zu vermeiden. Diese Möglichkeit wäre ihnen verbaut, gäbe es kein Bargeld mehr. Die Diskussion mutet theoretisch an, doch sie bekommt zunehmend praktische Relevanz. In der Schweiz, wo der Strafzins bei 0,75 Prozent liegt, wollten schon mehrere Investoren, etwa Pensionskassen, ihre Konten bei Banken leerräumen. Die Schweizer Notenbanken SNB empfahl den Geldinstituten, das Abheben großer Summen zu erschweren.

Sicher ist: Eine Wirtschaft ohne Bargeld würden den Notenbanken die Arbeit deutlich erleichtern.

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