China So steht es wirklich um Chinas Wirtschaft

Die Angst vor dem Abschwung der chinesischen Wirtschaft nimmt zu: Eine Textilarbeiterin in einer Fabrik in Huaibei in der Provinz Anhui.

(Foto: AP)
  • Chinas Wirtschaft steht angesichts abklingenden Wachstums und Kursstürzen an den Börsen unter Druck.
  • Einer Studie zufolge ist keine Erholung zu erwarten. Vielmehr deuten sich politische und gesellschaftliche Verwerfungen an.
  • Das China-Geschäft der deutschen Industrie könnte davon empfindlich getroffen werden.
Analyse von Christoph Giesen

Seit Wochen vergeht kaum ein Tag ohne schlechte Nachrichten aus China: Die Kurse an den Börsen in Shanghai und Shenzhen fallen seit Juni, die Zement- und Stahlindustrie hat Überkapazitäten angehäuft und die ersten deutschen Autobauer berichten bereits von Absatzrückgängen. Chinas Premier Li Keqiang nennt das schlicht die "neue Normalität". Die zweistelligen Wachstumsraten gehörten zwar der Vergangenheit an. China werde aber weiterhin mit sieben Prozent Jahr für Jahr wachsen. Sorgen müsse man sich nicht.

Daran hat Sebastian Heilmann, der Forschungsdirektor des Berliner Mercator Institute for China Studies (Merics) und einer der besten deutschen China-Kenner, erhebliche Zweifel. Er hält Lis "neue Normalität" für eine reine Beschwichtigungsformel. In einer Studie, die an diesem Montag erscheint und der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt, zeichnet er für die wirtschaftliche Zukunft Chinas kein besonders rosiges Bild. Vor allem die deutsche Industrie müsse sich vorsehen.

Unstrittig ist: Die Volksrepublik steht vor tief greifenden Reformen. Statt nur noch die Werkbank der Welt zu sein, muss Chinas Wirtschaft künftig kreativer, grüner und effizienter werden. Das Finanzsystem muss umgebaut und die Macht der Staatskonzerne gebrochen werden. "Typisch für einen so umfassenden Wandel der Wirtschaftsstruktur, wie er in China angestrebt wird, ist ein vorübergehender Leistungsrückgang der Wirtschaft", schreibt Heilmann. Von einer "J-Kurve" sprechen Wissenschaftler dann. Zunächst geht die Wirtschaftsleistung zurück, dann greifen die Reformen und das Wachstum setzt ein. Die Folge sind jedoch häufig Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Für die in China herrschende Kommunistische Partei ist das eine besondere Herausforderung. Da die Partei nicht abwählbar ist, könnte schnell die Herrschaftsordnung in Gefahr geraten.

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Politische Verwerfungen drohen

Das bestmögliche Szenario für China nennt Heilmann die "Löffelkurve". Die Volksrepublik habe das wirtschaftliche Potenzial, eine Strukturreform zu verkraften. Allerdings müsste Chinas Regierung dann "entschlossen die Deregulierung für private und ausländische Investoren in Branchen vorantreiben, die bislang durch protektionistische Praktiken und staatliche Oligopole gekennzeichnet sind". Doch wie stehen die Chancen? Nicht sonderlich gut, meint Heilmann. Eine Stärkung des Privatsektors zulasten staatlicher Kontrolle sei mit der derzeitigen Führung kaum vorstellbar. Wahrscheinlicher sei das, was Heilmann einen "vertagten Strukturwandel" nennt. Um das Wachstum aufrechtzuerhalten, werde die Führung in Peking ihre Staatsausgaben noch weiter steigern - und das, obwohl viele Städte und Präfekturen in China bereits überschuldet sind.

Nutzen werden die neuen Konjunkturprogramme kaum: Staatlich gesteuerte Investitionen, die sich überwiegend auf etablierte Branchen und den Staatssektor konzentrieren, führen zu immer höheren Überkapazitäten. "Im Kern könnten sich aus dieser Prozessfolge (Stimulus - Verschuldung - Überkapazitäten - Deflation - Stagnation) deutliche Analogien zu Japans makroökonomischen Erfahrungen seit Beginn der 1990er-Jahre ergeben", schreibt Heilmann. Doch im Gegensatz zu Japan drohen in China dann gesellschaftliche und politische Verwerfungen. "Die Vertagung von Strukturreformen und eine mehrjährige Stagnation würden deshalb in China ein hohes Risiko für eine - verzögerte - politische Systemkrise mit sich bringen."

Welche Konsequenzen hat das für die deutsche Wirtschaft? "Vom Wachstum des Chinageschäfts jahrelang verwöhnte deutsche Automobil- und Maschinenbauer müssen mit anhaltenden - kurzfristig womöglich zweistelligen - Ertragsrückgängen in ihren China-Engagements rechnen", meint Heilmann. Aber auch andere Zweige wie etwa die Chemiebranche könnten unter Druck geraten, da chinesische Unternehmen kurzfristig von staatlichen Investitionsprogrammen gepäppelt werden könnten.