Bundesagentur: Statistik Arbeitslosigkeit bei Älteren steigt drastisch

Eigentlich sollen die Deutschen länger arbeiten. Die Zahl der 60- bis 64-Jährigen ohne Job hat sich seit Oktober 2007 allerdings vervierfacht - Stoff für eine erneute Debatte über die Rente mit 67.

Von Thomas Öchsner

Gut ein Jahr vor dem Einstieg in die Rente mit 67 sind immer mehr Arbeitnehmer zwischen 60 und 64 Jahren arbeitslos. Das geht aus Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen. Danach hat sich das

Risiko, kurz vor Eintritt in den Ruhestand den Job zu verlieren, in den vergangenen drei Jahren stark erhöht. So waren im Oktober 2007 etwa 34.500 der 60- bis 64-Jährigen arbeitslos. Bis Oktober 2010 stieg die Zahl auf rund 145.500 Erwerbslose in dieser Altersgruppe.

Die Zahlen liefern neuen Stoff für die Debatte über die Rente mit 67, deren Einführung der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer erst vor kurzem in Frage gestellt hatte. Er hatte gesagt, dass eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit auf 67 Jahre nicht sinnvoll sei, wenn die Wirtschaft nicht endlich beginne, für die über 50-Jährigen die Beschäftigungschancen deutlich zu verbessern.

Hauptursache für die höhere Arbeitslosigkeit bei den über 60-Jährigen sind geänderte rechtliche Rahmenbedingungen. So ist 2009 die staatliche Förderung der Altersteilzeit ausgelaufen. Schon Ende 2007 waren bestimmte Vorruhestandsregeln weggefallen: Wer 58 Jahre oder älter war, musste bis dahin keinen Job mehr annehmen, wenn er sich im Gegenzug verpflichtete, zum frühestmöglichen Zeitpunkt abschlagsfrei in Rente zu gehen. Diese sogenannte 58er-Regelung nahmen allein 2007 gut 400.000 Personen in Anspruch. Sie wurden in der Arbeitslosenstatistik nicht mitgezählt. Soweit sie noch heute davon profitieren, gilt dies weiter. Für alle Neufälle ist die Ausnahmeregelung dagegen entfallen, sie werden als arbeitslos registriert. "Die Älteren können nicht mehr sagen, sie möchten sich vom Arbeitsmarkt zurückziehen, jetzt müssen sie sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen", sagte eine Sprecherin der Bundesagentur der SZ. Hinzu kommt ein demografischer Effekt: Der Altersaufbau der Bevölkerung ändert sich. Die Bevölkerung schrumpft und wird älter, und mit ihr sowohl die Beschäftigten wie auch die Arbeitslosen.

Arbeitgeber und Gewerkschaften bewerten die Zahlen unterschiedlich: DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte, die Rente mit 67 "ist und bleibt unvertretbar", weil sie für die Arbeitnehmer unerreichbar sei. Sie forderte die Regierung auf, die Erhöhung der Altersgrenze auszusetzen. Ein Sprecher der Arbeitgeberverbände wies hingegen darauf hin, dass "die Arbeitslosenstatistik ehrlicher geworden sei". Die Beschäftigung Älterer habe kräftig zugenommen, und die Betriebe strengten sich sehr an, "dass sie weiter steigt".

Die Bundesregierung will am Mittwoch ihren Prüfbericht zur Beschäftigungslage älterer Menschen vorlegen. Aus dem Entwurf geht hervor, dass sich die Beschäftigungsquote der 60- bis 64-Jährigen mit einem sozialversicherungspflichtigen Job seit dem Jahr 2000 auf 23,4 Prozent verdoppelt hat. Die Regierung spricht von einem "enormen Erfolg" und hält die Rente mit 67 weiter für "vertretbar". Zieht man nur die 63- bis 64-jährigen mit einem Vollzeitjob heran, ist die Quote mit unter zehn Prozent aber deutlich geringer. Die SPD will den von 2012 an geplanten allmählichen Einstieg in die Rente mit 67 davon abhängig machen, dass mindestens die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen einen sozialabgabenpflichtigen Job ausübt.