Boykott durch Neil Young Goodbye Starbucks

Kampf gegen Starbucks: Neil Young bei einem Auftritt im Jahr 2013 in Berlin

(Foto: dpa)

"Gestern war es das letzte Mal": Neil Young will sich morgens nicht mehr bei Starbucks für einen Latte anstellen. Der kanadische Musiker ruft zum Boykott der Café-Kette auf - weil sie einen umstrittenen Konzern unterstützt.

Von Thomas Fromm

Es kann manchmal sehr verstörend sein, wenn der Rock 'n' Roll im Alltag ankommt. Wenn der Rockstar auf einmal nicht mehr derjenige ist, für den man ihn jahrelang gehalten hat. Als sich ausgerechnet Bob Dylan, der vor sehr vielen Jahren zuerst die Herren des Krieges besang und dann nicht mehr auf Maggies Farm arbeiten wollte, Anfang des Jahres durch einen Werbespot des US-Autobauers Chrysler nuschelte, war das für orthodoxe Dylanianer und Dylanologen eine ziemlich befremdliche Sache. Zumal man wohl ausschließen konnte, dass der Altmeister hier eine seiner subversiven Attacken gegen das Establishment geritten hatte.

Nein, am liebsten hat man sein Idol als klar erkennbares Gesamtkunstwerk. So wie den Stones-Gitarristen Keith Richards, der seit Jahren als ewige Squaw auf der Bühne herumtapert und davon berichtet, wie er die Asche seines verstorbenen Vaters geschnupft hat. Nicht ganz von dieser Welt, aber, vielleicht auch gerade deshalb: authentisch. Auch die Fans von Neil Young wissen seit Jahren, woran sie mit ihm sind. Nicht so sehr musikalisch, denn da geht es seit Jahrzehnten mit den Phasen hin und her. Erst Crosby, Stills, Nash and Young, dann mal Crazy Horse, mal solo. Country, Folk, Rockabilly, verzerrter Garagenlärm, Rückkopplungen, Grunge, und - hey hey, my my - alles wieder von vorne.

Ansonsten aber ist der 69-jährige Kanadier sehr kalkulierbar und seit jeher ein wackerer und verlässlicher Partner im Kampf gegen Corporate America. Hilfe für die Ureinwohner Nordamerikas gegen die Ölmultis, Aktionen gegen Rassendiskriminierung im Süden, gegen zerstörerisches Fracking im amerikanischen Hinterland - kein Problem, Uncle Neil ist dabei. Und wenn der autoverliebte Young in den letzten Jahren über Autos sprach, dann am liebsten über seinen Lincoln Continental, Baujahr 1959, dem er für viel Geld einen Hybridantrieb mit Biosprit verpasste. Von wegen Chrysler-Werbung.

"Wer steht auf und rettet die Welt?"

Jetzt hat sich der Alt-Hippie eine der neueren US-Ikonen vorgeknöpft - und zum Boykott der Kaffeehauskette Starbucks aufgerufen. Nicht wegen der schlechten Qualität des amerikanischen Cappuccinos, nein. Die Kaffeehauskette beteilige sich an einer Sammelklage gegen den US-Bundesstaat Vermont, der die Kennzeichnung genmanipulierter Lebensmittel einfordert, moniert Young. Und zwar an der Seite des Saatgut-Herstellers Monsanto. Einen Saatgutkonzern kann man nicht boykottieren, sorry, aber die Kaffee-im-Pappbecher-Ausschenker sehr wohl. "Es ist mir egal, was du über Gentechnik denkst", schreibt er in seinem Blog "Goodbye Starbucks". Aber: "Unternehmen sollten nicht gegen legitime, demokratische Entscheidungen mit großer öffentlicher Unterstützung klagen."

Nun ist es leider oft so, dass sich Konzerne für solche Aufrufe herzlich wenig interessieren. Wer reagiert, riskiert, das Thema noch höher zu spielen - also lieber mal ignorieren. Aber bei Neil Young ist das natürlich etwas anderes, Starbucks kam um eine Reaktion nicht herum. Und hielt fest: Nein, man sei an der Klage gegen die Gentechnik-Kennzeichnung in Vermont nicht direkt beteiligt, sei aber als landesweite Filialkette an einer "nationalen Lösung" interessiert. Da allerdings hatte Young längst den verhängnisvollen Satz veröffentlicht: "Ich habe mich jeden Morgen angestellt, um meinen Latte zu kaufen, aber gestern war es das letzte Mal." Das saß.

Kitschiger Weltverbesserer

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Vor ein paar Tagen hat der fleißige Neil Young ein neues Album veröffentlicht, es ist das zweite in diesem Jahr und das 39. Album seit 1969. Eine der zentralen Fragen darauf lautet: "Wer steht auf und rettet die Welt?" Okay, es geht diesmal nur um Starbucks und Monsanto. Aber irgendwo muss man ja anfangen.