Automobilindustrie Gebt Opel eine Chance!

Opels Mutterkonzern drängt auf Stellenabbau.

(Foto: dpa)

Peugeot-Citroën hatte dem kriselnden Autohersteller Zeit versprochen. Nun verhält sich der Mutterkonzern beinahe respektlos - ein großer Fehler.

Kommentar von Max Hägler

Der Chef von Peugeot-Citroën, also damit auch von Opel, ist von einem freundlichen, aber nüchternen Wesen. Völlig zutreffend hat Carlos Tavares im vergangenen Jahr in Sachen Opel gesagt, bald nachdem er diesen darbenden Laden übernommen hatte: "Die Lage ist dramatisch!" Es gehe ums Überleben der Firma. Die Rettung werde hoffentlich ohne weitere harte Kürzungen ablaufen, 30 000 gestrichene Jobs seien genug, sagte er. Aber, ja, es werde dennoch stürmisch werden: "Unbeliebte Manager werden die Helden von morgen sein." Motivieren per Pathos, das kann er schon auch.

Das Ziel seiner Helden: "2020 muss meine Vorgabe erfüllt sein: Zwei Prozent Umsatzrendite." Endlich wieder Gewinn also, hoffentlich. Bis dahin, bis 2020, solle jedoch gelten, gab Taveres auch noch aus: Respekt für Opel, endlich mal! Und vor allem: Drei Jahre Ruhe zum Arbeiten wollte er der deutschen Tochter geben.

Doch nun schon ist die Ruhe vorbei. Es kracht, gewaltig, bereits nach einem dreiviertel Jahr. Und so gilt es Taveres an diese Eckpunkte zu erinnern, die für ihn Messlatte sind wie es für Opel die zwei Prozent Rendite sind.

Opel verdient Respekt - und drei Jahre Ruhe, um die Ziele zu erreichen

Innerhalb weniger Tage hat Tavares seinen Ton verschärft, beinahe respektlos wirkt sein Verhalten inzwischen. Er will Zugeständnisse beim Lohn, und hat die Gewerkschaft damit gegen sich aufgebracht. Er will das Werk Eisenach schrumpfen, entgegen seines eigenen Planes, der so gut sein soll, dass ihn sein Aufsichtsrat dafür belohnt. Er ist nicht zur Krisensitzung mit Bundesregierung erschienen. Völlig zurecht hat Kanzlerin Merkel Tavares und dessen Leute in dieser Woche nun zur Ordnung gerufen: Der PSA genannte Konzern aus Frankreich und seine deutsche Tochter Opel mögen sich an Vereinbarungen halten. Damit sind Verträge gemeint, die zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber geschlossen worden waren. Es zahlt aber auch ein auf Tavares' eigene Eckpunkte, siehe oben.

Dass ein Konflikt kommt bei Opel, das weiß jeder, der die Zahlen und die Umstände ein wenig einordnen kann. Mittlerweile geht Opel in das 19. Jahr, in dem dieses Unternehmen mit dem Autobau kein Geld verdient. Ende vergangenen Jahres war jeder Opel noch 700 Euro zu teuer, immerhin: die Zahl, also die relativen Verluste, sinken, hört man. Aber zugleich sinken auch die Opel-Absatzzahlen weiter, in einem eigentlich anziehenden europäischen Automarkt: Noch zünden die neuen Automodelle nicht so wie erhofft, manche sagen, weil einige denen des französischen Mutterkonzerns zu ähnlich sind.

Nun lässt sich das Image einer Marke nicht binnen Monaten ändern. Auch die Produkte, also die Autos, lassen sich nicht mal eben neu erfinden. Am Materialeinkauf, der Produktionsweise, dem Vertrieb, bei der Werbung, überall da geht es schneller, überall da schrauben Tavares und der von ihm beauftragte Statthalter, Opel-Chef Michael Lohscheller.

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Das ist herausfordernd, das war allen klar, wirklich allen, auch der Politik und den Arbeitnehmern. Man erkenne an, dass die Produktivität erhöht werden müsse, damit ließ sich die IG Metall im vergangenen Jahr zitieren. Und ganz leise schüttelten manche Arbeitnehmervertreter auch den Kopf, wenn es um die Frage ging: Bietet Opel noch genügend Arbeit für 19 000 Menschen? Viele hatten erkannt, dass sich Opel wirklich ändern muss. Eigentlich gute Voraussetzungen selbst für harte Einschnitte, solche die PSA auch durchmachen musste vor einigen Jahren. Gesundschrumpfen, dort in Frankreich hat es ja funktioniert. Auf die Weise sind Tavares und seine Leute zu so etwas wie "Helden" geworden.

Doch zumindest für den Moment sieht es nicht so aus, als würde sich das wiederholen, was vielleicht auch daran liegt, dass sie in Paris die deutschen Besonderheiten nicht kennen: Wer an den Flächentarifvertrag will, der macht sich die mächtige IG Metall zum Feind. Das Ansehen in der Branche und die Tarifeinheit geht der Gewerkschaft im Zweifel über das Wohlergehen von Opel. Und die Menschen und die Politiker wiederum schauen ganz genau auf das Werk Eisenach: Es ist ein großes Symbol der deutschen Wiedervereinigung. Gibt man dem Werk, den 1800 Leuten dort, die versprochene Chance. Oder streicht man rigoros, und zwar auch noch weit vor Ablauf der Drei-Jahres-Frist?

Tavares und seine Leute in Paris würden gut daran tun, ein wenig mehr auf deutsche Befindlichkeiten einzugehen: Das Gespräch suchen. Wort halten. Chancen aufzeigen. Opel den Respekt zollen, den sie selbst einfordern. Denn sonst wird das leider schwierig mit dem Heldentum und der Rettung des Autobauers.

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