Ausstieg aus der Kernenergie Atom - der totalitäre Strom

Ist der deutsche Atomausstieg wirklich ein weltweiter Sonderweg? Nein. Wer sich die Entwicklungen genau anschaut, der stellt fest: Die Kernkraft hat in Demokratien und Marktwirtschaften keine Zukunft, sie ist die Energieform der totalitären Staaten.

Ein Kommentar von Karl-Heinz Büschemann

Die Franzosen sind sauer auf die Deutschen. Der Ausstieg aus der Atomenergie sei ein Alleingang, der sich politisch noch nachteilig auswirken werde, so die Regierung in Paris. Auch Teile der deutschen Wirtschaft sind ungehalten. Sie glauben, die wichtigste Industrienation Europas verabschiede sich ohne Not aus einer Schlüsseltechnologie, die in anderen Teilen der Welt mit großem Aufwand und Erfolg weiterbetrieben werde. Ist es also ein Fehler, die Versorgung des Landes mit Atomstrom aufzugeben?

Nein, der Ausstieg ist richtig. Er ist zu verkraften, weil die Strommengen, die aus Uran erzeugt werden, in der Welt wie in Deutschland vergleichsweise gering sind. Wie zur Bestätigung dieser These hat sich gerade auch Italien per Referendum von der Atomkraft verabschiedet. Wenige Tage zuvor verkündete die Schweiz das Ende des Atomzeitalters.

Die Atomkraft wird in der ganzen Welt kritisch gesehen, auch wenn Länder wie China oder Russland demonstrativ am Atomstrom festhalten. Diese Technologie ist teuer und problematisch. Sie birgt langfristige Risiken für die Menschen, wie sie im Fall von Fukushima wieder deutlich wurden, und sie wird politisch immer schwerer durchsetzbar.

Der Bau von Kernkraftwerken kostet Milliarden, er dauert Jahre. Zudem ist die Frage der Endlagerung der abgebrannten Brennelemente weltweit ungeklärt. Auch deshalb wurden in den zurückliegenden Jahren vergleichsweise wenige AKWs gebaut. Nur 84 der 440 Meiler in der Welt sind jünger als 20 Jahre. Richtig ist aber auch, dass weltweit derzeit 64 Kernkraftwerke im Bau sind.

Auffällig ist, dass vor allem in Ländern gebaut wird, die Diktaturen sind oder nur Scheindemokratien. China, der größte Energieverbraucher der Zukunft, arbeitet gerade an 27 Meilern, in Russland sind es elf neue Kernkraftwerke. In diesen Ländern ist die Energiewirtschaft klare Staatsaufgabe. Widerstand der Menschen ist unwahrscheinlich.

In demokratischen und von Marktwirtschaft dominierten Ländern dagegen, wo private Investoren die Risiken und Kosten für Energieinvestitionen schultern müssen, entstehen nur wenige Meiler. Ausnahmen sind Südkorea und Indien, wo je fünf Meiler im Bau sind, ansonsten herrscht vornehme Zurückhaltung. Selbst in Frankreich, Europas Atomland Nummer eins, ist nur ein neues Nuklearkraftwerk im Entstehen, und die Medien des Landes legen Zeugnis ab davon, dass die Skepsis der Bevölkerung in Bezug auf diese Technologie wächst.

Oder haben diejenigen recht, die behaupten, der großflächige Ausbau der Kernenergie stünde in manchen Ländern erst bevor? Tatsächlich haben Amerika und Großbritannien gewaltige Ausbaupläne angekündigt. Das aber sind Ankündigungen von Politikern, die ohne Folgen blieben.

Die Politiker missachteten Warnzeichen

In Großbritannien, wo Premierminister Tony Blair schon 2006 reihenweise neue Atommeiler versprach, gibt es bis heute kein neues Projekt. In den USA, wo das letzte Kernkraftwerk 1973 in Betrieb ging, verlangte schon Präsident George W. Bush 2001 den Ausbau der Nuklearenergie. Doch nur an einem einzigen AKW wird inzwischen gebaut. Auch Schweizer und Italiens Politiker hatten den Ausbau der Atomkraft angekündigt, bevor ihre Pläne jetzt gestoppt wurden.

Billige und saubere Atomkraft war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Traum der Menschheit. Er hat sich nicht erfüllt. Preiswert war Atomstrom nie, er konnte nur Bedeutung erzielen, weil er massiv subventioniert wurde. In Deutschland galt Atomkraft als Hochtechnologie, die eine Industrienation beherrschen müsse. Jetzt dominiert die nüchterne Betrachtung, dass Atomstrom in Wahrheit teuer und gefährlich ist.

Dazu hat Fukushima beigetragen, aber das ist nicht alles. Schon vor der Katastrophe war den meisten Energiemanagern klar, dass Nuklearmeiler keine Gewinnbringer sein können, wenn ihnen der Staat Risiken und Kosten nicht zum großen Teil abnimmt. Nicht ohne Grund weigern sich Versicherungskonzerne, die Risiken der Meiler gegen Katastrophen zu versichern. Dieses Warnzeichen hätten die Politiker auch schon früher wahrnehmen können.