Der Versandhändler Quelle liegt am Boden. Jetzt muss der Insolvenzverwalter dafür sorgen, dass Karstadt nicht genauso scheitert wie Quelle.
Quelle - das ist nicht irgendein Unternehmen. Eine ganze Nachkriegsgeneration ist mit dem Versandhändler aus Fürth aufgewachsen, viele erzählen noch heute die Geschichten. Doch die Wahrheit ist: Eine lange Tradition bewahrt nicht vor dem Untergang. Im Gegenteil: Wer sich auf seiner Geschichte ausruht, hat ein Problem, manchmal sogar ein Existenzproblem. Überraschend schnell und brutal kam Anfang dieser Woche das Aus für Quelle. Das ist bitter, vor allem für die Tausenden Arbeitnehmer.
Quelle: Eine lange Tradition bewahrt nicht vor dem Untergang. (© Foto: AP)
Anzeige
Es müssen Lehren gezogen werden, besonders für die laufende Rettung von Karstadt. Das ebenfalls insolvente Warenhausunternehmen gehört wie Quelle zum Essener Arcandor-Konzern. Karstadt hat eine noch längere Tradition, in den Kaufhäusern an derzeit noch 126 Standorten arbeiten 30.000 Menschen, dreimal so viele wie bei Quelle. Sie bangen nun um ihre Arbeitsplätze, so wie viele Lieferanten und Dienstleister sich um Aufträge sorgen.
Droht Karstadt das gleiche Schicksal wie Quelle, nämlich die schnelle Abwicklung? Die Gefahr besteht durchaus, auch wenn die Lage bei Karstadt anders ist. Offenbar erodiert der Umsatz in den Warenhäusern nicht mit der gleichen atemberaubenden Geschwindigkeit wie bei Quelle. Von dem Versandhändler haben sich nach der öffentlichen Diskussion um dessen Zukunft die Kunden in Scharen abgewandt.
Der Vertrauensverlust bei Karstadt ist wohl lange nicht so groß. Das Problem der Zwischenfinanzierung stellt sich auch nicht in dem Maße: Hier zahlen die Kunden in der Regel sofort. Die Abhängigkeit von den Banken ist damit geringer. Dafür gibt es eine andere massive Belastung: Die Kaufhäuser stöhnen unter viel zu hohen Mieten. Die Immobilien in besten Innenstadtlagen wurden in den vergangenen Jahren versilbert und zu schlechten Konditionen zurückgemietet - das erweist sich jetzt als schwere Hypothek.
Teure Kosmetik
Aber es gibt auch beängstigende Parallelen: Karstadt spürt wie Quelle die Zurückhaltung der Kunden in der tiefen Wirtschaftskrise, die Einzelhandelskonjunktur stockt, die Banken zögern.
Beide Unternehmen wurden seit dem Zusammenschluss 1999 unter demselben Dach heruntergewirtschaftet. Das Missmanagement des Arcandor-Vorstands unter Thomas Middelhoff zeigt sich heute erst in vollem Ausmaß. Offenbar ist die ganze Zeit über teure Kosmetik gemacht worden, saniert wurde nicht. Dass kaum noch Substanz im gesamten Arcandor-Konzern steckt, hat Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg schon öffentlichkeitswirksam festgestellt.
Ein Aus für Karstadt wäre fatal, könnte vielleicht einen Flächenbrand auslösen. Insolvenzverwalter Görg, der für Quelle und Karstadt zuständig ist und dem manche bereits Dilettantismus vorwerfen, sollte versuchen, das mit allen Mitteln zu verhindern. Die regionale Bedeutung vieler Karstadt-Kaufhäuser ist nicht zu unterschätzen. Gerade in mittleren Städten - von Konstanz bis Rosenheim - ist das Kaufhaus noch immer einer der Mittelpunkte.
In den Fußgängerzonen wirken die Häuser wie Magnete, um die herum sich weitere größere und kleinere Geschäfte, Bäckereien, Apotheken und Friseure gruppieren. Eine schnelle Liquidation von Karstadt könnte für manche Stadt, die ohnehin mit der Abwanderung von Menschen und Kaufkraft in die Einkaufszentren auf dem Land zu kämpfen hat, ein herber Schlag sein. Manche warnen gar vor einer Verödung der Innenstädte nach amerikanischem Muster.
Ein Plan B muss her
Wie bei Quelle plant der Insolvenzverwalter auch bei Karstadt den Erhalt als Ganzes und sucht einen Käufer. Ob es überhaupt ernsthafte Interessenten für Karstadt gibt, ist unklar. Der Metro-Konzern, zu dem auch Karstadt-Konkurrent Kaufhof gehört, ist auffällig zurückhaltend geworden. Auch wenn man Taktik dahinter vermuten könnte: Das ist kein gutes Zeichen. Außerdem kommt die Sanierung nicht voran. Karstadt eröffnet in der Krise sogar neue Standorte für seine Sporthäuser, das ist wohl kaum der richtige Weg. Unumstritten ist Görg ohnehin nicht: Er verdient selbst gut an diesem Mandat, auch wenn er jetzt offenbar auf einen Teil seiner Bezahlung im Fall Quelle verzichten will.
Der Gläubigerversammlung soll Mitte November ein Sanierungskonzept präsentiert werden. Die Zeit drängt: Derzeit wird über die Sparbeiträge aller Beteiligten verhandelt - neben den Mitarbeitern vor allem Lieferanten und Vermieter. Alle müssen an einem Strang ziehen. Dass die Gewerkschaft jetzt reden will, ist gut. Aber die Gefahr besteht, dass Insolvenzverwalter Görg erneut zu sehr den Verkauf von Karstadt im Blick hat - und nicht die Weiterführung und Stabilisierung. Natürlich setzt das Insolvenzrecht dem Insolvenzverwalter enge Grenzen. Danach hat der Insolvenzverwalter vor allem das Wohl der Gläubiger im Auge - zumal der Plan, den insolventen Karstadt-Konzern in Eigenverwaltung weiterzuführen, gescheitert ist.
Bei Karstadt darf Görg nicht den gleichen Irrweg gehen wie bei Quelle: Er braucht schnell einen Plan B, wenn der Verkauf als Ganzes scheitert - was nicht unwahrscheinlich ist. Natürlich würde eine solche Alternative schmerzhafte Einschnitte und möglicherweise eine Aufspaltung vorsehen.
Aber das ist immer noch besser als die sofortige Liquidation. Es muss gerettet werden, was zu retten ist. Der Name Karstadt ist es wert. Im Drama um Arcandor, Quelle und Karstadt sind in den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen schon genügend Fehler gemacht worden.
- Thema
- Unternehmen RSS
- Quelle: Übernahmekonzept vorgelegt Retter in Kleinformat 23.10.2009
- Quelle: Nach dem Aus Griff in leere Taschen 22.10.2009
- Ausverkauf bei Quelle Aasgeier vom Dienst 23.10.2009
- Interview: Beiersdorf-Chef Quaas "Die Haut ist doch überall gleich" 17.05.2010
- Luxuskonzerne Italienischer Chic für China 15.05.2010
- Wirtschaft kompakt Verseuchter Käse: Ermittlungen gegen Lidl 15.05.2010
- Wirtschaft kompakt Megaflieger verhagelt Airbus die Bilanz 14.05.2010
(SZ vom 24.10.2009/hgn)
Demonstrationen in Hamburg
Vielleicht begreift nun jeder einigermaßen normal denkende Mensch, dass die deutsche Insolvenzordung NICHT auf den erhalt eines Unternehmens abzielt (und damit auf Arbeitsplatzsicherung), sondern ausschließlich auf Zerschlagung und Buße zugunsten der Gläubiger. Auch der Insolvenzverwalter interessiert sich nicht im Geringsten für das Unternehmen und deren Mitarbeiter, sonder vorrangig für seine eigenen Einkünfte und was für die Gläubiger noch zu zuholen sein kann.
Alle spielen dabei schön mit (nach dem Florians Prinzip versteht sich).
Die Gerichte, denen es egal ist was aus den Beschäftigten und Unternehmern wird, da deren Mitarbeiter als Beamter 200% abgesichert sind.
Die Politik, die angeblich von nichts eine Ahnung gehabt haben will und auch nichts tut.
Die Gewerkschaftsvertreter, die angeblich ahnungslos waren und erst Aufwachen wenn es zu spät ist.
Die Medien die sich drehen wie das Fähnlein im Wind.
Sagen kann man, dass über lange Zeit eine Grundhaltung entstanden ist (in Gesellschaft und Politik), die Unternehmen unfreundlich, oftmals sogar feindlich gegenüber steht. Wenns aber darum geht gegenüber diesen Ungeliebten Forderungen zu stellen, dann aber bitte nicht zu knapp. Arbeitsplätze natürlich! Steuern, Abgaben und Gebühren natürlich! Aufsichtsrats- und Verwaltungsratsposten natürlich! Immer her damit. Und wenns geht noch ein bisschen mehr davon. Wenn aber Schwierigkeiten auftreten, hat keiner was gesehen, gehört, verstanden oder auch nur im Entferntesten damit zutun gehabt.
Wie wärs es denn wenn der Staat alle Steuern, Abgaben und Gebühren der letzten 5-10 Jahre der Insolventen Unternehmensgruppe an deren Beschäftigte zurückerstatten müsste. Da es bei den Banken kein Problem darstellte quasi Übernacht einen Blankoscheck über 500 Mrd. auszustellen, sollten dieses hierbei auch keinerlei Probleme darstellen. Plötzlich wäre man darauf bedacht Unternehmen zu erhalten und nicht zu zerschlagen (und die Insolvenzordnung Ruck-Zuck geändert). Auch müssten die Aufsichts- und Verwaltungsräte ihre Bezüge im vollen Umfang (der vergangen Jahre!) zurückerstatten, da diese mehr als ausrechend Gelegenheit hatten, Einblick in Bücher und Bilanzen zu nehmen. Für die Mitarbeiter und deren Familien wäre dann auf jeden Fall gesorgt.