Aufruhr im Buchstabenland Ikea feuert die Futura

Der neue Ikea-Katalog ist da - und eine ganze Berufsgruppe ist völlig verstört: Ikea hat etwas Unfassbares gewagt.

Von Gerhard Matzig

Seit einigen Tagen wird auch in Deutschland der neue Ikea-Katalog verschickt, und bald soll die Gesamtauflage, 200 Millionen Stück, in der Welt sein. Aus dem bislang auf die USA begrenzten Sturm der Typographen müsste demnach in diesen Tagen ein globales Unwetter werden, das über das schwedische Möbelhaus hereinbricht.

Seit der Katalog 2010 in den USA verbreitet wird, sind die Gestalter in Aufruhr. Denn Ikea hat etwas Unfassbares gewagt: Nach sechs Jahrzehnten hat die Firma das angestammte Schriftbild, eine maßgeschneiderte Version aus der "Futura"-Familie, zugunsten der digital angeblich besser lesbaren Schriftart "Verdana" ersetzt. Das Donnergrollen im Reich der Buchstabenkunst schwillt seither an, gilt doch die Futura als Schrift gewordener Sehnsuchtsort der Moderne, als Ausweis von Sachlichkeit und Zukunftsfähigkeit.

Krieg der Schriften

In den Blogs, auf Twitter oder in anderen Netzen wird der Wechsel der Buchstaben als "Paradigmenwechsel", als "Werteverlust" oder gar als "Font War" (Time) beschrieben, als Krieg der Schriften also. Es kursiert eine Petition im Internet und ein Aufruf, Ikea-Produkte zu boykottieren. Die Gemeinde gibt sich wahlweise "entsetzt", "schockiert" oder "gepeinigt" ob der Verdana-Zumutung. Man fragt sich, warum eine Branche, in der es naturgemäß um feinste Proportionen geht, außerstande erscheint, die Maßstäbe zu wahren. Krieg ist etwas anderes.

Übrigens kämpfen auch die Futuristen im Internet unter dem Zeichen der Verdana. Geschaffen für Microsoft, hat sich die Verdana seit einem Jahrzehnt auf digitalem Terrain durchgesetzt, weil sie über großzügige Buchstabenabstände und deutliche Zeichendifferenzierungen verfügt, daher auch bei kleinen Schriftgrößen und auf dem Bildschirm als besser lesbar gilt. Mag sein. Jedenfalls wollte Ikea den Online-Katalog und die gedruckte Ausgabe einander angleichen. Die Entscheidung gegen die Futura ist schlicht dem Online-Zeitgeist geschuldet. Man muss das auf Papier nicht bejubeln. Aber soll man es fürchten?

Klobig wie eine Hantel

Richtig ist: Das Wort "Ivar" (ein Regal), geschrieben in Verdana, ist alles andere als ästhetisch. Das "I" ist, statt ein schlanker Strich zu sein, klobig wie eine Hantel, dem "v" hat man die schneidige Spitze geplättet, das "a"scheint sich für die Rückkehr der Serifen stark zu machen - und auf dem überlangen Kragarm vom "r" könnten sich ganze Vogelschwärme niederlassen. Schön ist die Verdana nicht. Die Futura, die letztlich dem Bauhaus entstammt und seit 1927 bekannt ist, wirkt deutlich kultivierter.

Aber all jenen, die monieren, dass Ikea dank der Verdana nun "billig" erscheine, kann man sagen, dass Billigkeit dem Ikea-Programm nicht fremd ist. Und die Bauhaus-Ideale, die Ikea erfolgreich gemacht haben, hat das Möbelhaus vor langer Zeit hintangestellt. Was aber die Typographie angeht, so sei auf Otl Aicher verwiesen, auf einen der großen Gestalter der Moderne. Ihm zufolge liegt das Wesen der Typographie "nicht in der Kunst, sondern in der Kommunikation". Lesbarkeit ist kein Tabubruch. Übrigens: Es geht um einen Katalog.

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