Aufnahme Lettlands in die Währungsunion "Notwendigkeit - und ein Privileg"

Für Lettland ist der Weg in die Euro-Zone frei. Man ist dort vor allem stolz, ein radikales Sparprogramm ohne Proteste bewältigt zu haben. Andere Länder des ehemaligen Ostblocks sind noch nicht so weit.

Von Klaus Brill

Auf der Münze wird man Milda sehen, eine junge Dame mit ernstem Blick in Landestracht. Milda ist ein Frauenname und eine allegorische Gestalt, so wie die französische Marianne. Für die zwei Millionen Bürger Lettlands ist sie eine nationale Identifikationsfigur. Auf der Spitze des Freiheitsdenkmals in Riga reckt eine Schöne, die im Volksmund gleichfalls Milda heißt, ihre Arme in den Himmel und hält drei Sterne hoch, Symbole der historischen Landesteile Kurland, Livland und Lettgallen. Vom 1. Januar 2014 an wird Milda auch auf den neuen Euro-Münzen prangen, die dann in Verkehr kommen. Nach dem Votum der EU-Kommission vom Mittwoch ist der Weg für die Aufnahme des Landes in die Euro-Zone frei, auch wenn noch weitere Gremien zustimmen müssen.

Mit der Wahl des Münzen-Motivs bekennt sich die kleine Nation zu ihren Traditionen und ihrem Verlangen nach Freiheit und Eigenständigkeit. Dies wundert nicht bei einem Land, das ebenso wie seine Nachbarn Estland und Litauen mehr als vier Jahrzehnte lang als Sozialistische Sowjetrepublik unter der Knute Moskaus stand. Und dieser historische Hintergrund wirkt wohl auch hinein, wenn die Letten trotz all der Krisendramen und der Nervenkriege um den Euro gerade jetzt den Beitritt wagen und nicht wie andere misstrauisch zuschauen und abwarten.

"Wir wollten klarmachen, dass wir zum Westen gehören und nicht in eine politische Grauzone zwischen Russland und der EU", hat Ministerpräsident Valdis Dombrovskis dazu 2012 der Bild-Zeitung erklärt. Zudem erhofft sich sein Land, das stark auf Ein- und Ausfuhren angewiesen ist und 70 Prozent seines Außenhandels in Euro abwickelt, im Geld- und Warenverkehr sowie am Kreditmarkt konkrete Vorteile. Vor allem setzt man darauf, dass ausländische Investoren in ein Euro-Land größeres Vertrauen haben und auch in Zukunft helfen, die Wirtschaft zu entwickeln. Lettland braucht dies, neben Bulgarien und Rumänien gehört es zu den ärmsten Mitgliedern der EU.

Beim Wirtschaftswachstum allerdings liegt der Ostsee-Anrainer nach den schweren Rückschlägen in der Finanzkrise 2008 ebenso wie seine beiden Nachbarn Litauen und Estland europaweit in der Spitzengruppe. 2012 stieg das Bruttosozialprodukt um 5,5 Prozent, für dieses Jahr sagen die Experten eine Wachstumsrate von 3,8 Prozent und für 2014 von 4,1 Prozent voraus. Das sind Zahlen, von denen man selbst in Deutschland träumen würde - die hart erkämpfte Belohnung für eine rechtzeitige Sanierungskur, die das kontraststarke Gegenstück zum Verhalten der politischen Klasse in Zypern oder Griechenland darstellt. "Unser Beispiel zeigt, dass man sich tatsächlich aus der Krise heraussparen kann", meint der liberalkonservative Premierminister Dombrovskis.

Die Regierung hatte ihren Bürgern und vor allem den Beschäftigten im öffentlichen Dienst drakonische Opfer zugemutet. Gehälter und Sozialausgaben wurden gekürzt, Stellen gestrichen und Steuern erhöht. Ähnlich verfuhr das frühere bürgerliche Kabinett im Nachbarland Litauen, mit ähnlichem Ergebnis: Die Krise wurde rasch überwunden. In beiden Ländern hielt die Bevölkerung - anders als in Griechenland oder Spanien - weitgehend still. Der lettische Wirtschaftsminister Daniel Pavluts erklärte das so: "Unsere Gesellschaft ist viel geduldiger als manche andere. Das mag mit unserer Vergangenheit als Sowjetrepublik zu tun haben."