Atomdebatte: RWE-Chef Großmann "Sauber, bezahlbar und sicher"

Deutsche Kernkraftwerke arbeiten effizient, darum ist Energie auch bezahlbar. Es wäre voreilig, die Meiler abzuschalten.

Ein Gastbeitrag von Jürgen Großmann

Energiedebatte und kein Ende! Leider oft ohne den klaren Willen zur Verständigung. Energie muss nicht nur sauber sein, sondern auch bezahlbar. Und: Sie muss überhaupt erst mal vorhanden sein. Deutsche Kernkraftwerke bieten dies alles. Sie sind vorhanden und arbeiten effizient. Und sie sind sicher.

Sie voreilig abzuschalten, hieße nicht nur betriebswirtschaftliche Aktiva zu verschleudern, sondern auch volkswirtschaftliches und damit unser aller Vermögen. Sie produzieren günstig und tragen zur Preisdämpfung bei. Und sie produzieren den Strom nahezu frei von Kohlendioxid. Sauber, bezahlbar und sicher: Ein starker Dreierpack.

Für Bundesumweltminister Norbert Röttgen ist sie trotzdem "nicht die Zukunftsoption", wie die Süddeutsche Zeitung das Interview mit dem Minister in der vergangenen Woche titelte. Dabei strebt auch er an, die Importabhängigkeit zu vermindern. Dazu eignen sich sicher in Zukunft die Erneuerbaren Energien, gerade heute und in den nächsten Jahrzehnten aber auch die Kernkraft.

Die Uranversorgung ist für lange Zeit gesichert und beste Technologie haben wir im eigenen Land. Im eigenen Haus, würde man im Privatleben sagen. In einer Qualität, um die man uns international beneidet. Noch kürzlich betonte die Internationale Energie-Agentur: "Es macht keinen Sinn, Kernkraftwerke abzuschalten, die - wie in Deutschland - höchsten Sicherheitsanforderungen genügen und Strom zu niedrigen Kosten produzieren."

Die Stimmung in der Bevölkerung ist keineswegs einseitig gegen die Kernenergie gerichtet. Nach Erhebungen von Forsa glauben nur 15 Prozent der Deutschen, dass man völlig auf sie verzichten könne. Eine deutliche Mehrheit glaubt dagegen, dass man Kernkraftwerke auch in Zukunft noch brauchen wird, um die Versorgung zu sichern und Klimaschutz wirksam zu betreiben.

Zoff um Laufzeiten

Gestritten wird nun darüber, wie die Verkürzung der Laufzeit für deutsche Kernkraftwerke finanziell kompensiert werden soll. Auch Minister Röttgen weist erfreulicherweise darauf hin, dass man dabei die Unternehmen nicht überlasten darf. Diese Gefahr ist groß, denn eine Brennelementesteuer in der bisher diskutierten Form widerspricht nicht nur Europa- und Verfassungsrecht, sie würde die Unternehmen zudem auch finanziell überfordern. Denn der vorliegende Gesetzentwurf spricht nicht von 1,5 Cent pro Kilowattstunde, sondern von deutlich höheren Beträgen.

Bevor Gewinne abgeführt werden, müssen sie erst einmal erwirtschaftet werden. Dass bereits an dieser Stelle der Staat seine Hand in Form der üblichen Ertragsbesteuerung aufhält, wird bei der Kernenergie gerne vergessen. RWE hat im vergangenen Jahr ein Drittel seiner Gewinne in Form von Steuern abgeführt.

Die deutschen Kernkraft-Unternehmen fahren über die eigenen Abschreibungen hinaus gewaltige Investitionsprogramme, sie sichern Arbeitsplätze und schaffen neue in erheblichem Umfang. Anders gesagt: Sie ziehen den Karren.

In drei Jahren meiner Amtszeit hat RWE in Deutschland pro Jahr etwa 1000 Stellen geschaffen. Und wer den Karren zieht, sollte nicht noch Fesseln angelegt bekommen. Für den notwendigen Ausbau der Erneuerbaren Energien ist diese Finanzkraft von entscheidender Bedeutung, denn Investitionen in moderne Windparks offshore haben ein Milliarden-Volumen erreicht, das nur leistungsstarke Unternehmen stemmen können.

Kernkraft und Erneuerbare sind perfekte Partner. Beide sind frei von Kohlendioxid. Kernkraft hilft an führender Stelle mit, die starken Schwankungen bei Wind und Sonne auszugleichen. Schon jetzt ist klar, dass 2010 ein schwaches Windjahr werden wird - ebenso wie 2009, als die erzeugte Strommenge zurückging, obwohl die Zahl der installierten Windräder deutlich wuchs. Installiert ist in Deutschland eine Windkraftleistung von rund 26.000 Megawatt. Zum Vergleich: Die Kernkraftwerke liegen bei 21.000 Megawatt, produzieren aber dreimal so viel Strom wie unsere Windräder

Allein dadurch wird augenfällig, wie wichtig diese Säule unserer Energieversorgung ist. Auch Minister Röttgen erkennt an, dass der Umbau des deutschen Energiesystems einen dreistelligen Milliardenbetrag kosten wird. Ein wahrer Kraftakt, für den man die bewährten Leistungsträger dringend braucht. Jeden Energieträger dort, wo er kostengünstig und effizient seine Stärken ausspielen kann.

Es geht um 900.000 Jobs

Gerade Deutschland mit seiner immer noch starken und hoffentlich auch weiterhin leistungsfähigen industriellen Basis braucht die Kernkraft als tragende Säule. 900.000 Arbeitsplätze hängen direkt von den energieintensiven Industrien ab. Hinzu kommen weitere über Zulieferer und Dienstleister. Viele Verarbeitungsbetriebe brauchen die Nähe zu den Primärerzeugern in Form von Technologie-Clustern. Das Überleben dieser Branchen hängt entscheidend von wettbewerbsfähigen Strompreisen ab.

Noch haben wir Industriestandorte von Weltrang. Etwa in der Chemie, im Stahl oder in der Papierproduktion. Sie sind technologisch führend und treiben Innovationen maßgeblich voran. Sie sind ein Fundament unserer Wirtschaft, ohne sie wäre Deutschland ärmer. Wir sollten alles tun, damit sie gehalten werden. Das ist kein Selbstläufer: Strom in China und Indien, produziert in Kohlekraftwerken und ohne Emissionshandel, ist 40 Prozent billiger als in Deutschland.

China wird seine Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 verdoppeln. Allein am europäischen Wesen kann das Klima also nicht genesen. Wer weltweiten Klimaschutz will, sollte aufhören, die Kernenergie - die eine wettbewerbsfähige, leistungsstarke und Kohlendioxid-freie Technik ist - zu diskreditieren. Auch dieses wird in der Welt beobachtet und mit dem Hinweis vermerkt, dass es die Deutschen wohl mit dem Klimaschutz doch nicht wirklich ernst meinen.