Armut Das Klischee vom armen Osten ist überholt

Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Eine Studie zeigt: Besonders hoch ist das Risiko in westdeutschen Großstädten.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Wer schon einmal in einem Brandenburger Dorfgasthof und in München ein Bier bestellt hat, weiß: Das Leben ist nicht überall gleich teuer. Diese banale Erkenntnis spielt bei der Diskussion über das Thema Armut in Deutschland bislang aber kaum eine Rolle. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verfolgt deshalb einen anderen Ansatz: Die Forscher haben die regionalen Preisunterschiede und die jeweilige Kaufkraft berücksichtigt, um herauszufinden, wo das Risiko am größten ist, in die Armut zu rutschen.

Das Ergebnis der Studie zeigt, wie fragwürdig das Klischee vom armen Osten mittlerweile geworden ist: Danach stehen besonders westdeutsche Städte schlecht da, auch weil dort besonders viele Arbeitslose, Migranten und Alleinerziehende leben.

Egal wo man wohnt: Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, also jenes Einkommens, das von der einen Hälfte der Bevölkerung über- und von der anderen Hälfte unterschritten wird. Nimmt man nun die in Europa übliche 60-Prozent-Grenze, lag 2014 diese Einkommensschwelle für einen Single-Haushalt bei netto 917 Euro im Monat, für ein Paar mit zwei Kindern bei netto 1926 Euro. Darunter beginnt das Armutsrisiko.

2014 galten 19 Prozent der Ost- und 14 Prozent der Westdeutschen als armutsgefährdet. Berücksichtigt man das Preisniveau und errechnet eine "Kaufarmutsquote" wie das IW, ist das Ost-West-Gefälle nicht so stark. Knapp 15 Prozent kaufkraftarmen Bürgern im Westen stehen dann weniger als 17 Prozent im Osten gegenüber. Auffälliger sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land: Laut IW sind 21 Prozent der Städter kaufkraftarm, auf dem Land nur 14 Prozent. Besonders schlecht sieht es bei der Kaufkraftarmut für Menschen in Bremerhaven aus. Am besten schneidet der Bodenseekreis ab (Grafik).

Das Kölner IW fordert die Bundesregierung deshalb auf, Städte mit hoher Arbeitslosenquote stärker zu unterstützen. Nötig seien eine bessere Ganztagsbetreuung für die Kinder von Alleinerziehenden und mehr Sprachkurse für Migranten. "Benachteiligte in Bildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft zu integrieren, ist die beste Anti-Armuts-Politik", sagte der IW-Forscher Christoph Schröder.

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