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Schuldneratlas:Rentner in der Schuldenfalle

Altersarmut

Nicht nur die Altersarmut ist ein Problem, auch die Überschuldung bei Rentnern nimmt zu.

(Foto: dpa)
  • Bei den Rentnern steigt die Zahl der Überschuldeten zügig an. Und die Summen, die sich bei Älteren auftürmen, sind besonders hoch.
  • Insgesamt ist in Deutschland inzwischen jeder Zehnte überschuldet. Noch drastischer sind die Zahlen bei den jungen Leuten.

Von Kristiana Ludwig, Berlin

Immer mehr alte Menschen können in Deutschland ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Das liegt nicht nur an ihrer kleinen Rente oder einem schlecht bezahlten Nebenjob. Problematisch ist auch, dass sich Schulden auftürmen und nicht abgetragen werden. Zu diesem Ergebnis kommen Analysten der Wirtschaftsauskunftei Creditreform in ihrem aktuellen "Schuldneratlas". Ein auffälliger Trend in den Daten ist die steigende Zahl überschuldeter Menschen über 70. In dieser Altersklasse haben 174 000 Menschen zu viel Schulden, das sind 25 000 mehr als noch 2015.

Altersüberschuldung gehöre ebenso wie Altersarmut zu einem Phänomen, das immer mehr Rentner betrifft, heißt es bei Creditreform. Bereits bei den 60- bis 65-Jährigen wächst die Zahl der Menschen in finanziellen Schwierigkeiten schneller als in der Durchschnittsbevölkerung. Immer mehr Alte melden Privatinsolvenz an. Der Grund ist, so sehen es die Autoren, ein "Mega-Trend" zur strukturellen Überschuldung. Das heißt: Die Deutschen geraten seltener durch unachtsamen Konsum in leichte Zahlungsschwierigkeiten. Stattdessen rutschen sie immer häufiger tief und dauerhaft in die Schulden. Mittlerweile seien es besonders die langen Schuldnerbiografien, die das Bild prägen. "Dieser Befund ist besorgniserregend", schreiben die Autoren der Studie.

Mit 1,34 Prozent ist der Anteil der Überschuldeten bei über 70-Jährigen aber nach wie vor gering - zumindest im Vergleich zu den Überschuldungsquoten bei jungen Leuten. 14,5 Prozent der unter 30-Jährigen gelten als überschuldet. In der Gesamtbevölkerung kletterte die Quote erstmals seit 2008 wieder über zehn Prozent - trotz einer verbesserten Wirtschaftslage und eines entspannteren Arbeitsmarkts. 6,85 Millionen Menschen sind mit durchschnittlich 34 300 Euro in den Miesen. Creditreform konstatiert eine "Einkommenspolarisierung", also eine Spaltung zwischen wohlhabenden und immer ärmeren Bürgern.

Zu den wichtigsten Gründen, aus denen Menschen heute in die roten Zahlen rutschen, zählt Creditreform Krankheiten, Unfälle oder eine Sucht. Problematisch wird es auch, wenn Verbraucher ihre Immobilienkredite nicht mehr bedienen können. Und auch Arbeitslosigkeit kann in einer Überschuldung enden. "Es fällt auf, dass in der Regel unplanbare und gravierende Änderungen der Lebensumstände als Hauptauslöser genannt werden, die außerhalb der unmittelbaren Kontrolle der Überschuldeten liegen", sagte vor kurzem der Präsident des Statistischen Bundesamts, Dieter Sarreither.

Die Haushaltswissenschaftlerin Cäzilia Loibl von der amerikanischen Ohio State University beschreibt, wie es Familien, denen wenig Geld zur Verfügung steht, passieren kann, einen Schuldenberg anzuhäufen. Auf "Knappheitssituationen" reagierten viele Menschen, indem sie weniger dringende Probleme vernachlässigten, sagt sie. Zum Beispiel verzichteten sie auf die Wartung ihrer Waschmaschine oder ihres Autos, um die Miete zu zahlen. Bald seien sie jedoch mit immer höheren Kosten konfrontiert, die diese Versäumnisse nach sich zögen.

Auch deshalb seien die Schuldensummen bei älteren Menschen oft höher als bei den Jungen. Sie stecken schon länger in der Schuldenspirale. Meist haben sie sich durch ihre höheren Einkommen auch mit größeren Anschaffungen übernommen. Die täglichen Kosten für Lebensmittel und Kleidung, Miet- und Strompreiserhöhungen oder hohe Nebenkostenabrechnungen können sich dann zu einem großen Problem auswachsen.

Zuwanderung schlägt sich nicht in der Statistik wieder

Entgegen der Erwartungen der Auskunftei schlägt sich die Zuwanderung von Flüchtlingen im Jahr 2015 nicht in der Schuldenstatistik nieder. Sie seien allerdings besonders von Armut und Schulden bedroht. Überproportional häufig betroffen sind außerdem alleinerziehende Frauen und alleinlebende Männer. Die Zahl der verschuldeten Frauen steigt laut Creditreform in diesem Jahr deutlicher an als die der Männer, wobei es derzeit noch fast doppelt so viele Männer in Finanzschwierigkeiten gibt.

In den kommenden Monaten sei weiter davon auszugehen, dass die Zahl der Überschuldeten kontinuierlich steige, heißt es in dem Bericht. Gegensteuern könne die Gesellschaft nur mit einem Abbau der Arbeitslosigkeit sowie mit höheren und gezielteren Investitionen in die Bildung. Besonders jüngeren und älteren Bürgern fehle Finanzkompetenz. Die Autoren empfehlen, in Armuts- und Reichtumsdebatten künftig Überschuldungsstatistiken einzubeziehen. Die Insolvenz- und Schuldnerberatungen müssten ausgebaut und ihre Informationsangebote verbessert werden. Manchmal seien es schon kleine Dinge, die Menschen vor den ersten Schulden bewahren können. Etwa eine SMS mit dem aktuellen Kontostand oder ein Dauerauftrag auf das Sparkonto.

© SZ.de/jps

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