Agenda 2030 Nachhaltigkeit kommt in den Entwicklungsländern nicht an

Erwachsene und Kinder sortieren Müll auf einer Deponie in Kambodscha. Den Ärmsten der Armen bleibt in den Entwicklungsländern oft nur das Leben am äußersten Rand des globalen Wirtschaftskreislaufs.

(Foto: Getty Images)
  • Eine Zwischenbilanz der "Agenda 2030" der Vereinten Nationen zeigt: Nachhaltig zu wirtschaften ist offenbar komplizierter als gedacht.
  • Demnach verschlechtert das Handeln der Industrieländer die Lebensbedingungen bei den Ärmsten.
Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die jährliche Konferenz des Rates für nachhaltige Entwicklung lässt sich Angela Merkel nicht nehmen. Regelmäßig ist die Kanzlerin dort Rednerin, das Thema Nachhaltigkeit liegt ihr am Herzen. "Auch während unserer G-20-Präsidentschaft widmen wir uns drängenden Nachhaltigkeitsfragen", versprach sie bei der jüngsten Konferenz Ende Mai. Schließlich gibt es seit zwei Jahren die "Agenda 2030", in der sich die Vereinten Nationen auf die nachhaltige Entwicklung verpflichtet haben. "Ein umfassender Auftrag zur Transformation", befand Merkel.

Doch der Umbau ist noch komplizierter, als die meisten Staaten ahnten. An diesem Donnerstag wollen die Bertelsmann-Stiftung und das Forscher-Netzwerk SDSN eine Zwischenbilanz der Agenda ziehen, gerade rechtzeitig vor dem G-20-Treffen in Hamburg. Um es gleich vorwegzunehmen: Unter den Mitgliedern des Staatenclubs schneidet Deutschland der Studie zufolge noch am besten ab, mit Rang 6 unter 157 Staaten. Auch in Frankreich (Rang 10) und Japan (11) sieht es nicht schlecht aus, anders etwa als in Indien (116), Südafrika (108) oder Saudi-Arabien (101). Allerdings gibt es eine Reihe von Problemen, die selbst die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen und 169 Unterzielen noch nicht abbildet: Die Wechselwirkungen zwischen dem Tun und Lassen der Industrieländer und den Lebensbedingungen bei den Ärmsten.

Diese so genannten "Spillover"-Effekte entziehen sich häufig der Statistik, sie lassen sich nicht leicht nachweisen. Der bekannteste davon ist noch der Klimawandel. Industriestaaten verpulvern fossile Rohstoffe und heizen damit die Erdatmosphäre auf, in Entwicklungsländern kommen die Folgen an: Durch höhere Meeresspiegel in Küstenstädten oder vermehrte Dürren oder aber Überflutungen. Die Studie unternimmt nun den Versuch, diese Effekte halbwegs zu quantifizieren - und sie den Verursachern zuzuordnen. "Die bisherigen Statistiken ignorieren diese Effekte", heißt es in der Studie. "Damit begünstigen sie die Länder mit hohen Einkommen." Bezieht man sie ein, verhagelt das ordentlich die Bilanz der Reichen.

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So untersucht die Studie beispielsweise, in welchem Umfang Länder den Verlust von Artenvielfalt "importieren" - also durch ihre Nachfrage dazu beitragen, das andernorts auf der Welt Raubbau an der Natur getrieben wird. Platz eins: Luxemburg. Dasselbe bei Stickstoff-Emissionen, verursacht etwa durch den Import von Nahrungsmitteln aus intensiver Landwirtschaft. Auf Luxemburg folgen hier Singapur, Kuwait und die Schweiz. Und bei der importierten Ausbeutung von Wasservorräten stehen nicht von ungefähr die reichen Golfstaaten Katar, Bahrain und Oman an der Spitze: Damit es auch in der Wüste frisches Obst zu kaufen gibt, muss andernorts aus knappen Reservoirs bewässert werden. "Solche externen Effekte kommen bisher zu kurz", sagt Christian Kroll, der das Projekt bei der Bertelsmann-Stiftung leitet. "Hier mussten wir Pionierarbeit leisten." Allerdings sei es oft schwer, an die Daten zu gelangen.

Derlei externe Einflüsse gibt es nicht nur bei der Umwelt. Eng verwandt mit der Armut ist auch die Steuerflucht. Mehr als 100 Milliarden Dollar, so schätzt die UN-Handels- und Entwicklungsorganisation UNCTAD, entgehen den Entwicklungsländern im Jahr durch trickreiche Steuervermeidung und kreative Buchführung großer Konzerne. Deswegen enthält die Studie auch die Top Ten der Steuerparadiese, angeführt von Großbritannien, Zypern und Irland; ebenso die zehn Länder mit den strengsten Bankgeheimnissen. Ganz vorne: die Schweiz, die Türkei, Großbritannien.

Und da Entwicklung auch einiges mit Frieden zu tun hat, fließt auch ein Indikator zu den Waffenexporten mit ein, vorneweg Israel, Russland und Norwegen. Deutschland belegt Platz 10. "Das Konsumverhalten und die Geschäftspraktiken vieler reicher Länder können die nachhaltige Entwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländer ernsthaft gefährden", sagt der Ökonom Jeffrey Sachs, Kopf des SDSN-Netzwerks. Gleichzeitig aber warnt die Studie eindringlich vor neuem Protektionismus; auch er bedrohe eine nachhaltige Entwicklung. Letztendlich, sagt Mitautor Kroll, müsse die Welt enger zusammenwachsen - aber die ungewollten Wechselwirkungen dabei minimieren.

An den Herausforderungen im eigenen Land ändert das nichts. Richteten sich die "Millenniumsziele" der Vereinten Nationen noch allein an Entwicklungsländer, müssen bei der Agenda 2030 nun auch die Industrieländer ran. Der Anspruch, so stellte auch die Kanzlerin Ende Mai fest, "könnte höher kaum sein". Deutschland etwa steht laut Ranking gut da bei Bildung und Infrastruktur, aber gar nicht gut bei der Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen. Wie in allen Industrieländern sieht es auch beim Konsum düster aus: der Wohlstand produziert Müllberge. Allein 18 Kilogramm Elektroschrott hinterlassen die Einwohner der Industrieländer im Jahr. In Ländern wie Burundi, Kongo oder Malawi sind es nur 200 Gramm. Jenen Elektroschrott, der aus reichen Ländern dorthin exportiert wird, damit Kinderhände ihn nach verwertbaren Rohstoffen durchsuchen, noch nicht eingerechnet.

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