Abhängigkeit von russischem Gas Wenn Partner einander fremd werden

Eine Mann geht an einer Gas-Pipeline im russischen Sudzha vorbei. Putin droht nach den EU-Sanktionen gegen Russland mit höheren Gaspreisen.

(Foto: dpa)

Seit Jahrzehnten fließt russisches Gas ohne Pause in den Westen. Nun droht Russland mit höheren Energiepreisen. Deutschland versucht seine Abhängigkeit zu verringern - und wird gegenüber russischen Investoren immer skeptischer.

Von Markus Balser und Nico Fried, Berlin

Die Deutschen - für Russlands Präsident Wladimir Putin waren sie schon seit Langem ein Rätsel. Da waren etwa die Vorbehalte gegen die Atomkraft: "Ich weiß nicht, womit Sie heizen wollen. Sie wollen keine Atomkraft, Sie wollen kein Gas. Wollen Sie wieder mit Holz heizen?", fragte Putin bei seinem Deutschland-Besuch 2010. Für Putin war die Sache allerdings selbst in diesem Fall klar: Unabhängiger würden die Deutschen mit ihrer Energiewende von Russland sowieso nicht. "Auch das Holz müssten Sie aus Sibirien holen!"

Russland liefert Deutschlands Energie - das ist nicht nur für Putin Gesetz. Zu fast 40 Prozent bezieht Deutschland sein Gas noch immer aus Russland. Seit mehr als 40 Jahren fließt es ohne Pause durch Pipelines in den Westen.

Doch dann waren es nur wenige Zeilen, die Mitte dieser Woche ein Beben in dieser Beziehung auslösten: Moskaus Außenministerium verschickte eine knappe Mitteilung, die seither für Empörung in Deutschland sorgt: Die Sanktionen durch Brüssel seien "ein unüberlegter und verantwortungsloser Schritt" und würden unweigerlich zu einem "Anstieg der Preise auf dem europäischen Energiemarkt" führen, heißt es in einer scharfen Reaktion des Ministeriums auf EU-Strafmaßnahmen in der Ukraine-Krise.

Wirtschaftlich wird die Ukraine-Krise auf Jahre Spuren hinterlassen

Höhere Gaspreise als außenpolitische Strafe? Erstmals setzt der Kreml Gas auch im Westen ganz offen als politisches Druckmittel ein. "Wir sehen das als Wendepunkt in der Krise", sagt der Chef eines europäischen Energiekonzerns. "Es ist Zeit, sich einen Plan B für die Lieferungen aus Russland zu überlegen." Und auch die Bundesregierung erwägt inzwischen offen eine Abkehr vom bislang dominierenden Rohstofflieferanten.

Die Drohung mit den Gaspreisen müsse man erst mal gelassen sehen, sagt Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zwar. "Es gibt bestehende Verträge, aus denen auch Gazprom nicht rauskommt." Doch auch Gabriel fürchtet, dass Russland mit der Drohung Ernst machen könnte: "In der Sekunde, in der Russland das versucht, wird es alternative Angebote auf dem Weltmarkt geben."

Gabriel hält Sanktionen dennoch für unausweichlich. "Dass wir auch mit Konsequenzen zu rechnen haben, wenn wir Sanktionen in Gang setzen, war uns vorher klar. Keine zu verhängen, käme am Ende aber noch teurer als ein etwas teurerer Gaspreis." Damit deutet sich an, dass die Ukraine-Krise in Europa wohl auf Jahre tiefe Spuren hinterlassen wird.

Experten fordern noch mehr Distanz vom russischen Energiemarkt

Schon seit Langem versucht die EU, die Abhängigkeit von Russland beim Gas mithilfe alternativer Routen für Pipelines und neuer Kontakte zu anderen Lieferanten zu reduzieren - mit Erfolg. Während der Anteil der EU-Gasimporte aus Russland vor gut zehn Jahren noch bei fast 50 Prozent lag, ist er bis heute auf rund ein Drittel gesunken.

Doch Experten fordern noch mehr Distanz. "Europa muss endlich Schlüsse aus der Krise ziehen", sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Wir müssen unsere Energieimporte weiter diversifizieren und von Öl und Gas weniger abhängig werden." Lieferalternativen zu Russland könnten etwa Norwegen, Nordafrika oder der kaukasische Raum sein, sagt Kemfert. Sie bezweifelt, dass sich Russland angesichts einer Eskalation an Preisklauseln mit Kunden in Westeuropa gebunden fühlt. "Es gibt langfristige Verträge mit russischen Lieferanten. Die Frage ist, was die in Zeiten der Krise wert sind."

Bitter, aber richtig

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Auf immer größeren Widerstand stößt in Deutschland das Vordringen der russischen Gaswirtschaft. Während sich die Ukraine-Krise mit wüsten Drohungen auf beiden Seiten zuspitzt, treiben russische Investoren Milliardengeschäfte in Deutschland voran. Gazprom will im Tausch mit anderen Geschäftsteilen von der BASF-Tochter Wintershall Gasspeicher übernehmen, die eigentlich für Unabhängigkeit sorgen sollten. Und Oligarch Michail Fridman will zudem für rund fünf Milliarden Euro die einzige deutsche Öl- und Gasförderfirma RWE Dea, die auch über Gasförderlizenzen in der Nordsee verfügt, kaufen.

Eine andere Waffe gegen die Abhängigkeit: mehr Energieeffizienz

Nach SZ-Informationen prüft das Bundeswirtschaftsministerium inzwischen in einem vertieften Verfahren, ob mit dem Milliardengeschäft strategische Interessen Deutschlands verletzt werden. Ergebnisse sollen im September vorliegen. "Man sollte die Geschäfte neu bewerten", fordert auch DIW-Forscherin Kemfert. "Wir erleben mit der Eskalation eine neue Situation auf dem Energiemarkt und eine neue Dimension der Krise. Die Abhängigkeit sollte nicht noch größer werden."

Nun wächst auch der Druck auf Berlin, in der europäischen Energiepolitik für ein Umdenken zu kämpfen. "Gerade die Bundesregierung sollte in Europa auf verbindliche Ziele für mehr Energieeffizienz und erneuerbare Energien drängen und selbst mehr tun, um Energie einzusparen", sagt DIW-Forscherin Kemfert. Bislang hatte auch Berlin strengere Regeln in Brüssel verhindert. "Wir können einen guten Teil der Importe schon dadurch verhindern, dass wir weniger Energie verbrauchen", sagt Kemfert.